24
Nov
2018
18

November

Ich werde wach vom Nebel. Mittlerweile bilde ich mir ein, dass ich ihn hören kann, morgens beim Aufwachen. Er hat eine eigene Akustik… eine Nebel-Ruhe… Mit einem Augenwinkel-Blinzeln hole ich mir die Bestätigung durchs Fenster: Die Müritz liegt Spiegelglatt und ohne Horizont am Ufer. Auf ihr sitzt eine Möwe.

Ich habe in den letzten Jahren einen Nebel-Fetisch entwickelt. Das fing vor Jahren in Vietnam an und steigerte sich mit der Zeit zu einer Art visuell-lyrischer Liebesbeziehung. Tage im Nebel schenken mir ein herrlich-graues Gefühl von Melancholie und führen mich in Szenen, in der ein Fischermütziger Tom Waits rauchend in einem Boot vorbei rudert und „Waltzing Mathilda“ singt. Ich proste ihm dabei immer zu und trage einen zerschlissenen aber sehr coolen Troyer.

Und so stiefele ich 7 Uhr morgens aus dem Haus, runter zum See und führe die Zeit in den Nebel aus. Statt Tom Waits rudert Sigur Rós vorbei, ich trage allerdings keinen coolen Pulli, sondern eine dicke Jacke aus dem Ausverkauf (passt auch irgendwie). Das viel zu trockene Jahr hat das Ufer zwei Meter nach hinten verschoben und Sigur Rós singt sich nun auf meinem Kopfhörer bei 1°C vor diesem verlorenen Surfboard die Seele aus dem Leib. Würde man das alles hier noch in düster-körniges Schwarz-Weiß tauchen, es wäre der perfekte Ort, um hemmungs- und grundlos zu weinen. 

Urlaubsorten wie diesem hier fehlt im November jede Theatralik. Die Restaurants haben geschlossen, die Boote stehen aufgebockt im Vorgarten, der goldene Herbst ist vorbei und die Wintersaison hat noch nicht begonnen. Kaum eine Menschenseele verirrt sich nach draußen. Herrlich. 

Hier zu wohnen, fühlt sich auch nach drei Monaten noch an, als schriebe man das erste Kapitel eines Buches. Ich habe lange nachgedacht, mit welchem Satz ich dieses Buch beginnen würde. Vielleicht: „Ich habe mich noch nie beim Anblick eines See´s geärgert…“ Ich glaube das trifft es ganz gut.