19
Feb
2018
16

Der Tag an dem wir aufhörten, dem Algorithmus hinterher zu jagen

Irgendwann werden wir uns an den Tag zurück erinnern als wir plötzlich aufhörten, dem Algorithmus hinterher zu jagen. Es war der Tag an dem selbst diese kranken Whatsapp-Pods versagten, die den Algorithmus auszutricksen versuchten und wir einfach aufgaben und uns lauthals zuriefen, dass der Tod nun so schlimm auch wieder nicht sei. Die Sonne schien und wir warfen uns dem Leben vor die Füße. Hier, bitte! Was soll’s! Scheiß drauf!

Das Leben lächelte und schenkte uns im Gegenzug Zeit. Und zwar der guten Sorte. Eine die nicht zerhackt wurde in drei Minuten Einheiten, Zeit, die weder effizient war noch gefüllt mit der Suche nach Antworten in Suchmaschinen.
Es war der Tag, als die Influenzer Blase platzte und sie zu Hunderten vor den Agenturen auf den Treppen saßen und Rat suchten, VR-Brillen tragend. Und irgendeiner von ihnen nahm seine Scheiß-Brille ab, zerriss langsam blinzelnd ein Weitwinkel-Foto auf dem eine Blonde im Gegenlicht Schnütchen machte, hielt seine Litschi-Bionade in die Höhe und brüllte besoffen vor Erkenntnis: „Das wars Freunde!“

Und am nächsten Morgen wachte er auf und starrte zum ersten mal nicht auf sein Smartphone sondern auf die Brüste seiner Freundin, die neben ihm lag. Und diesen Blick hatte er nur für sich. In den Tagen danach reifte in ihm die Erkenntnis, dass er nie wichtig für andere war, sondern nur wichtig für das System. Und selbst das war nur gelogen, damit er sich nicht völlig egal vorkam. Denn die Wahrheit war: das System kannte ihn nicht und sein Avatar verblasste irgendwo auf einem Server, irgendeines Social Media Kanals, der nun niemanden mehr interessierte.

Hey, sagen wir es doch wie es ist: Du bist irgendwann klein und nackt hier angekommen, hast herum geschrien und in die Windeln geschissen. Und so Gott will, wirst Du 90 Jahre später mit vollgeschissener Windel auch wieder gehen. Die Zeit dazwischen kannst du füllen wir du willst. Und ich denke, dass ist die Wahrheit.

Du brauchst keinen Algorithmus um zu leben, aber er braucht dich um zu leben.

 

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36 Responses

  1. Lass ihn leben, den Algorithmus. Er wird von genug Menschen gefüttert. Aber selbst leben, ohne der „Wahrheit“ im Netz nachzujagen tun wenige. Ich hörte mal ein jüngeren Menschen sagen „Was ich nicht posten kann, ist nicht passiert.“ Was digital, aus 0 und 1 bestehend, nicht dokumentiert werden kann, soll niemals echt gewesen sein? Verrückt. Wir können das grüne Gras aus dem Boden rupfen, aber in den Nullen und Einsen nicht baden gehen? Aber die sollen echt sein?
    Einfach sein lassen. Wir existieren auch ohne die digitale Welt. Die Möglichkeit das jeder Moment einfach uns gehört genießen. „Das tut dem Herzen viel besser.“
    Puh. Höre ich mich wie ein Kind der 90iger an? Ich erinnere mich noch gut daran, wir spielten bis die Knie grün waren auf der Wiese oder alle Klamotten nass zwischen den Pfützen vor unserem Haus.

  2. Pingback : Lob der Einfachheit – Klang des Lichts

  3. Aroel

    Roman Urbaner Ein Team hat nun zumindest einen besseren Algorithmus zur Vorhersage individueller Filmvorlieben entwickelt und hofft auf den Gewinn des Netflix-Preises Ganz ausgestorben ist die alchemistische Suche nach der Weltenformel offenbar noch nicht, auch wenn sie inzwischen etwas zeitgemäßer – mit Datenreihen und Computeralgorithmen – daherkommt. So scheint es den Tüftlern in jüngster Zeit besonders das Mysterium des Kinos angetan zu haben: Schon seit Jahren jagen Forscher der Formel für den perfekten Film hinterher – mit mäßigem Erfolg. Jetzt scheint zumindest ein Algorithmus zur Vorhersage individueller Filmvorlieben gefunden zu sein, dessen Treffsicherheit alles Bisherige in den Schatten stellt.

  4. Mein Reden, mein Reden.

    Alleine diese Erkenntnis führt aber nicht dazu, dass es besser wird.
    Die eigentliche Herausforderung ist aber dem Algorithmus nicht mehr zu folgen.

    Marketingtechnisch ist das aber vielleicht nicht so gut, denn die Reichweite des eigenen Tuns ist somit sehr beschränkt. Die Mundzumundpropaganda mag vielleicht nicht ausreichen, den Kühlschrank zu füllen. Was soll man tun?
    Da hab ich gerade keine wirkliche Antwort.

    Dennoch habe ich, aus der Freiheit heraus nicht auf den Algorithmus angewiesen zu sein, angefangen, mich aus den sozialen Medien zu verabschieden. Noch bin ich nicht ganz weg, aber es wird weniger. Das befreit sehr.

    Danke für das Teilen der Gedanken; der Text spricht mir sehr aus meiner Seele.

  5. Cordula Hilgert

    Hallo Steffen,
    deine Gedanken kenne ich und es ist gut, wenn man hinterfragt wohin gewisse Enteicklungen gehen und auch daraus seine persönlichen Konsequenzen zieht. Allerdings werden sie Teil unseres Lebens bleiben und sind nicht aufzuhalten und immerhin verdienen viele damit ja auch ihr Geld.

    Kennst du die Geschichte von dem armen Fischer, der nachmittags am Strand in der Sonne luegt? Vor sich in den Sanften Wellen sxhaukelnd sei kleines Fischerboot. Ein Tourist kommt vorbei und fragt, warum er so faul da liegt. Er könnte doch mehr arbeiten und sich dann ein größeres Boot anschaffen und damit viel mehr Geld verdienen. Der Fischer schaut ihn fragend an: Was hab ich denn davon? Die Antwort blieb nicht aus: Du könntest dir eine eigene Hütte bauen und wenn du fleißig bist, kannst du später andere für dich arbeiten lassen und hättest Zeit am Strand zu liegen…

    So muss wohl jeder für sich selbst entscheiden, was er für sein Leben erreichen will und wie er es erreichen will. Glücklich kann sich der nennen, dem Qualität wichtiger ist als Quantität und vor allem finanziell so ujnabhängig ist, dass er sich sein entschleunigtes Leben auch leisten kann.

    Für mich als Christ ist es gut zu wissen, das mein Leben hier auf der Erde nicht mein Ziel ist. Ich soll verantwortlich mit meiner Zeit und meinen Fähigkeiten umgehen, aber much erwartet mal etwas besseres!

    Huch, jetzt ist es etwas lang geworden. Hoffe, es war nicht langweilig.

    LG Cordula

  6. non so dirti quando
    Ein Titel von Antonello Venditti, frei übersetzt … Ich kann dir nicht sagen wann.
    Wann findest Du das Glück, Wann findest Du den Sinn des Lebens, ….

    Steffen, Du erzählst viel über dich und bist sehr offen. Eine große Qualität, keine Frage und es ist auch eine Stärke, denn nicht jeder kann das. Gerne verfolge ich deinen Block weil er mehr ist als nur Fotozeug.

    Aber so ein „Nachgedacht“ macht mir auch Sorgen. Da ist eine düstere Seite.
    Ja da System, man kann es auch das Leben nennen. Schau mal „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“, das ist das blanke Leben und wir sind alle eine Teil davon. Da gibt es Wut, Unglück aber auch Hoffnung. Jeder trägt es in sich. Es ist nicht schlecht aber nichts kommt von allein.

    Und was ist am Ende ?
    Es gibt da ein Gen in uns, so eine Art Scbutzgen….

    Meine 94 jährige Großtante schaute letzte Woche auf ihr Leben zurück. Gut war es, sie hat viel erlebt, viel gesehen, nicht alles war gut, aber es war ein gutes Leben. Toll wenn man so was sagen kann und das Schutzgen einem dabei hilft.

    Leben ist das größte Abenteuer unseres Daseins. Dieses Abenteuer zu bestehen ist es, was uns ausmacht. Davon berichten ? Fotografie hilft uns dabei !

        1. Kommt darauf an, wie man es verstehen mag. Geht es darum sich zu zeigen und das was man ist, arbeitet, liebt und lebt oder bedient man irgendeinen Algorithmus…? Ich kenn Steffen nun schon einige Zeit…und auch, wenn er die Sozialen Medien versteht und zu nutzen weiß, dass was hier steht ist ganz und gar ER.Und da ist es völlig egal ob wir das lesen oder nicht, völlig egal ob keiner, einer oder eben tausend folgen…einfach und allein, weil es nie eine Rolle spielt in letzter Konsequenz:-)

  7. Oliver

    Ich verstehe nicht, warum wir auf diesen Tag warten sollten.
    Dieser Tag kann schon heute sein. Wenn man nur will.

    De höchste Form von Selbstbestimmung ist die Freiheit, die Unabhängigkeit von Konzernen und Institutionen.
    Hört endlich auf, facebook und instagram hinterher zu laufen.

    Oliver

  8. Hallo Steffen,
    wenn ich dich zitieren darf
    „LIVE IS ABOUT SAING YES“
    und nicht ich schaue den ganzen Tag auf mein Smartphone.
    Ich lebe und fotografiere und ich lebe und Fotografiere intensiver seit „wir“ uns kennen.

    Ich schaue jeden morgen meiner frau ins Gesicht….
    Irgend wann sollte mein Smartphone nicht leer sein oder irgendwo herum liegen schau ich dann mal drauf.
    ist auch gut so….

  9. Applaus! Schöner Artikel, der zeigt, dass man nicht allein ist mit der Wahrnehmung, dass dieses Social-Media-Dingens nur ein riesengroßes Hamsterrad ist, in dem wir unsere Zeit totschlagen.

  10. Mit anderen Worten: „Scheiß auf‘s Internet und „Social Media“!,? -- Ja, um Himmels Willen, warum schreibst Du dann noch den Blog hier und mimst selbst den Influencer?
    😉

  11. Wahre Worte gelassen ausgesprochen. Ich brauche ab und zu solche Sichtweisen die mich wieder wachrütteln und daran erinnern, dass das mit dem Leben wenig bis gar nichts zu tun hat.
    Danke für Dein Teilen Deiner Gedanken, Sorgen und Ängste.
    Freue mich auf ein Wiedersehen -- wann immer das sein kann 😃

  12. Ein verdammt spannender Gedanke, zielsicher auf den Punkt gebracht. Während ich diese Worte auf meinem iPad hier reintippe, fühle ich mich doch sehr widersprüchlich.

    Grüße aus dem Süden
    Sven

  13. Carsten

    Das Beste von Dir zum aktuellen Geschehen in den sozialen Medien! Ich freue mich schon wieder auf meine nächste Fernreise OHNE die ganzen Zeitfresser.

  14. „Und am nächsten Morgen wachte er auf und starrte zum ersten mal nicht auf sein Smartphone sondern auf die Brüste seiner Freundin, die neben ihm lag.“

    Das wichtigste Argument, das je zum Offline-Thema angebracht worden ist. Danke.

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