25
Feb
2018
13

Als ich Carole traf und es nicht wusste

Da stand ich nun allein in diesem Plattenladen irgendwo in der Nähe des Venice Beach in Los Angeles. Wir schreiben das Jahr 1990 und ich war Anfang 20. Ich trampte seit ein paar Wochen die Westküste runter und hatte alle Zeit der Welt. Meinen Walkman hatte ich samt Kassetten in irgendeinem Auto liegen lassen und wollte mich nun mit neuer Musik versorgen. Also blätterte ich in den Platten herum, griff hin- und wieder eine heraus und hörte irgendwelches Zeug, dass ich nicht kannte. Mein Blick blieb bei der Lady am Tresen hängen. Ob sie irgendwas hätte, was ich im Greyhound nach San Diego gut weghören könne, auf Kassette… und einen neuen Walkman bräuchte ich auch… und sie lächelte zurück: Greyhound to Diego he´?

Ich ging rüber zu ihr, sie schob mir eine Kassette entgegen, sah mir mit einem stechenden Blick in die Augen und begann leise zu singen: One more song about movin‘ along the highway, can’t say much of anything that’s new…
Eine Frauenstimme hinter mir lachte… „Ooooh noooo…Linda…please…“ Ich wandte mich um und war irgendwie froh, dass mich diese Situation nicht allein lies.
Wie sich in den Folgeminuten herausstellte, war die Frau hinter mir genau die, deren Platte (Kassette) mir gerade anempfohlen wurde und sie entschuldigte sich für ihre Freundin am Tresen… Wo ich denn herkäme und hinwolle… und ja, die Platte sei gut, sie hätte schon schlechtere Songs geschrieben aber ich müsste sie nun wirklich nicht kaufen, nur weil wir uns gerade kennen lernten… Ich hielt lachend das Coverfoto neben ihr Gesicht und wollte sichergehen… ja, das passt, schon. Auf dem Cover schien sie zwanzig Jahre jünger, saß mit einer Katze am Fenster… aber…, ach wie schön… ich hätte allerdings noch nie was von ihr gehört, tut mir leid. Wir unterhielten uns noch eine Weile, sie gab mir ein paar Tipps für meine Reise und ich verlies den Laden mit einem Lächeln, einem neuen Walkman und ein paar neuen Kassetten.
Es war eine dieser Begegnungen, die mir noch lange im Kopf blieben, weil sie so ungezwungen daherkamen. Ich mochte Carole vom ersten Moment an, obwohl sie locker zwanzig Jahre älter als ich war. Und wir verabschiedeten uns mit einem langen Lächeln und drückten uns zum Abschied. Wie schön…
Ein paar Stunden später saß ich in einem Greyhound nach San Diego und war komplett verliebt in das Album. Ich mochte es von der ersten Sekunde an und hörte es wahrscheinlich gleich drei oder vier mal hintereinander. Wie gern hätte ich ihr das gesagt. Oh Carole! Wie schön sind diese Songs!? Volltreffer! Oh Mann! Und in den nächsten Wochen hörte ich es jeden Tag mehrfach und konnte es nach ein paar Tagen bereits auswendig mitsingen. Tapestry wurde zum Soundtrack meiner Reise durch die USA und bis heute mag ich jeden einzelnen Song.
Es waren die Neunziger und damals verkauften eine ganze Reihe von Künstlern ihre Musik auf Kassette – direkt in die Plattenläden. Und aus irgendeinem Grund ordnete ich Carole auch in diese Kategorie. Wieder zurück in Deutschland kam ich dann irgendwie auch nicht auf die Idee, diesen Plattenladen dort an der Westküste nachträglich ausfindig zu machen und ihr wenigstens mal zu schreiben, wie sehr mich ihr Album berührte. Es gab noch kein Internet und so blieb ihre Kassette lange Zeit bei mir relativ präsent im Regal liegen bis ich Jahre später einen Musikerkollegen zu Besuch hatte. „Du hörst Carole King?“ fragte er und ich war fast schon elektrisiert… „Und du kennst sie????“ (noch ausgehend davon, dass sie irgendeine unbekannte Strassenmusikern sei). Ich erzählte ihm von meiner Begegnung mit ihr und er glaubte mir kein einziges Wort. „DU hast Carole King in einem Plattenladen getroffen?? No way!“ Und in den Folgemonaten recherchierte ich nach, was nicht schwer war, denn Carole King ist in jedem guten Plattenladen dieser Welt ein Klassiker und mir wurde so langsam klar, dass ich da DIE CAROLE KING in diesem Laden getroffen hatte.
Als ich mich heute morgen ins Auto setzte, lief sie gerade mal wieder im Radio und ich erinnerte ich mich an unsere 20 Minuten in diesem Record Store an der Westküste. Und ich sehe ihr Lächeln und spüre ihre Arme auf meinem Rücken. Und ich dachte wie verrückt das Leben manchmal ist und ein so ein Türchen aufmacht und ein Licht zeigt. Allein man sieht es nicht. Jede Begegnung im Leben ist ein Geschenk auch wenn einem das in diesem Moment vielleicht gar nicht klar ist. Und mir kann die drei Fragen in den Sinn, die man sich bei Begegnungen  immer wieder stellen und beantworten sollte.
  1. Wer ist die wichtigste Person?
  2. Welches ist der wichtigste Zeitpunkt?
  3. Welches ist der wichtigste Ort?
Und die Antworten dafür sind simpel:
  1. Dein Gegenüber
  2. Jetzt
  3. Hier

Und nun lasst uns Tapstery hören…

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17 Responses

  1. Birgit

    Eine wunderbare Geschichte zauberhaft erzählt. Ja, tatsächlich, als wäre man selbst dabei gewesen. Und solche ähnliche Momente gibt es durchaus öfter, nur werden sie nicht immer bemerkt. Denn es sind oft die kleine Dinge im Leben, die uns tief berühren, wenn wir dafür offen sind.
    Und: ich hätte diese Frau auch nicht gekannt -- jedoch wohl ihre Lieder.

  2. Doris

    Kein Wunder, dass die Frau auf dem Cover 20 Jahre jünger aussah – „Tapestry“ wurde nämlich 1971 veröffentlicht.

  3. René Luppi

    Steffen, einfach großartig. Dein Stil zu schreiben, Deine Gefühle zu transportieren, Deine Art Geschichten, Erfahurngen und Lebensweisheiten zu teilen.
    Carol. Als wäre man selbst dabei gewesen. Als wären es die eigene Erinnerung, der eigene Trip und Soundtrack. Danke, dass Du uns teilhaben lässt. Musik ist auch bei mir mit Emotionen und Gedankenbildern verwurzelt. Danke für alles. Du bist eine große Inspiration. Viele Grüße, der unscheinbare Bonbon-Typ 🙂

  4. HF

    Interessante und schöne Kurzgeschichte! So etwas macht Leben aus und bleibt.
    Ich hätte den „Was lernen wir daraus-Schluß“ weg gelassen. Der Text beinhaltet das eigentlich und für den, der dies nicht aus den Text heraus liest, ist auch der Schluß vergeblich geschrieben.

  5. Nancy

    Selten lese ich Blogposts bis zum Ende, aber hier bin ich jetzt und sage Danke für‘s Teilen! Für‘s Teilen dieser Geschichte, den Gedanken dazu und natürlich: der Musik!

  6. Großartig Steffen! Deine Schreibe mag ich sehr und freue nich über jeden deiner Posts. Heute sitze ich laut, lachend davor, denn ein ein eigenes Erlebnis war recht ähnlich. Bei mir war es New York Anfang 2000 und John Crisham der mich zu seinem nächsten Dreh einladen wollte, weil ich ihm so gar nicht glauben wollte, wer er war.
    Vielen Dank für deine tolle Geschichte, ich hoffe es folgen noch einige. Lieben Gruß, Uta

  7. Carole King kannte ich nur dem Namen nach. Danke, dass Du mir ihre wunderbare Musik näher gebracht hast! Ja, es gibt im Leben diese zauberhaften, magischen Momente, die, wenn sie auch nur kurz gewesen sind, einen lebenslang begleiten. Diesen Moment hast Du sehr schön beschrieben!

  8. So schön… Ich liebe die Platte auch, wie oft wandert die SACD in unseren Player. Kein Wunder, dass Neil Diamond, Jackson 5 und wie sie alle heißen sich bei ihr immer gerne bedient haben.

  9. Wunderbar! Und ja solche Situationen gibt es. Für mich der Moment als ich gefragt wurde ob ich einen amerikanischen Fotograf in Österreich fachlich unter die Arme greifen könnte (Ich war damals noch im 3D Bereich tätig). Das erste mal das ich eine Person mit der ich zusammen arbeiten sollte NICHT gegoogelt habe. Ich hätte mir vermutlich vor lauter Aufregung in die Hose gemacht. Kurze Geschichte. Wir waren uns sehr sympatisch, er hat mich zur Fotografie gebracht … wir gründeten eine Firma in den USA. Heute einer meiner besten Freunde. Punkt.
    Name: Clint Clemens (www.clintclemens.com)
    Das Leben hat schon so manche Überraschung bereit 😉

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