30
Jan
2021
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Dabbawalas

Ihr glaubt Lieferando hat es drauf? Dann fahrt mal nach Mumbai und schaut Euch die Dabbawalas an. Die Jungs dort liefern schon über 100 Jahre aus und das ohne Internet und Telefon! Ich habe die Dabbawalas vor 6 Jahren bei der Arbeit fotografisch begleitet und seitdem schlummerten die Bilder ungenutzt auf meiner Festplatte herum…

Es ist der 22. Juli 2015, irgendwo im Moloch von Mumbai. Ich stehe früh am Morgen vor der Tür der Dabbawalas. Ich kenne die Zunft der Zusteller von selbstgekochtem Essen aus dem Film Lunchbox und bin fest entschlossen, eine dieser metallenen Lunchboxen auf ihrem Weg durch Mumbai bis hin zum Empfänger zu begleiten. Aus einer gewachsenen Tradition heraus kochen viele Frauen ihren Männern hier in Mumbai jeden Tag ein leckeres Mahl, dass ihnen als kleiner Gruß von zu Hause zum Lunch an ihrem Arbeitsplatz zugestellt wird. Das einzigartige Transportsystem der Dabbawalas wurde von allen großen Kurier-Dienstleistern dieser Welt bereits bis ins Detail analysiert, denn irgendwie schaffen es die flinken Männer mit ihren Kisten, die Lunchboxen punktgenau zur Mittagszeit auszuliefern – und das 200.000 mal pro Tag. Ein ebenso einfaches wie effizientes System aus farbigen Stofffetzen und Ziffern hilft ihnen dabei. 

Mein Blick fällt auf eine Lunchbox in einer blau-roten Tasche und ich entscheide mich spontan, dass ich diese Farbe so schnell nicht aus den Augen verlieren werde.

Es regnet Feuerwehrschlauchgleich doch die Dabbawalas beladen ihre Kisten und Fahrräder stoisch, das Wasser von oben ignorierend. Riesigen Körbe fassen Dutzende Lunchboxen, locker 60 Kg schwer, und mitunter greift sich ein Dabbawala einen dieser Körbe und trägt ihn locker auf dem Kopf durch die Menge, treppauf, treppab – zum Bahnsteig und rein in den Zug… Ich folge ihm, stehe plötzlich mitten in einem Frachtabteil und habe keine Ahnung wohin es geht. Es ist heiß, nass und laut. Nach zwei Stationen geht es schon wieder raus und die Fracht wird an einem Übergabepunkt abgeladen und neu sortiert. Ab nun kümmern sich andere Dabbawala darum. Ich verfolge „meine Lunchbox“ und versuche die ständig wechselnden Fahrer nicht aus dem Auge zu verlieren. Ein wichtiges Erkennungszeichen der Dabbawalas ist ihre weiße Mütze, was mir im Gewühl der Fussgänger oft nicht wirklich hilft. An den Übergabepunkten suche ich „meine“ blau-rote Tasche und ertrage die irritierten Blicke der Kuriere, ach egal, jetzt habe ich einmal angefangen. 

Nach zwei Stunden Jagd durch Mumbai stehe ich klitschnass im Aufzug eines Geschäftshauses, zusammen mit einem Dabbawala und zeige grinsend auf die blau-rote Tasche… vor lauter Hilflosigkeit brabbele ich was von „Mahlzeit“ und „well done“ und schieße das Foto der Übergabe. Was ich jetzt mit den Fotos machen soll weiß ich auch nicht so recht, immerhin habe ich sie heute, nach all den Jahren  wieder auf er Festplatte gefunden…

„In Mumbai kann man leicht sterben, niemals aber, keine einzige Sekunde lang, lässt sich in dieser energiegeladenen, alle Sinne überwältigenden Wahnsinnsstadt eines vergessen: dass man am Leben ist.“(aus „Die Kunst zu überleben„)

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