28
Jan
2015
30

Lieber Steffen, wir kennen uns nicht…

Lieber Steffen,

ich habe lange überlegt was und wie ich dir schreiben soll. Ich versuche mein Anliegen so kurz wie möglich zu fassen, damit dir nicht die Augen rauskullern.

Wir kennen uns nicht, ich habe aber viele Blog-Posts und deine Interviews mit verschiedenen Fotografen verfolgt und kann nur sagen, dass du als Person und auch deine fotografische Arbeit und deine Herangehensweise eine große Inspirationsquelle für mich sind. Denn wir haben eine Sache gemeinsam: Eine Leidenschaft für Fotografie.

Kurz aber etwas zu mir: Ich bin 23, wohne in Düsseldorf und studiere zur Zeit BWL im 4. Semester. Davor habe ich mich 2,5 Jahre als Auszubildender Kaufmann für Marketingkommunikation bei einer Werbeagentur durchgeackert.
Fotografie fasziniert mich schon seit ich 14 bin. Richtig angefangen bewusst zu fotografieren habe ich mit 17/18, professionell ging es mit 20 bei mir los. Aber nun studiere ich BWL. Und ich stehe vor einem großen Problem – mit mir selber. Ich habe das Fotografieren nie als etwas betrachtet, was man beruflich machen könnte, weil es immer ein Hobby war, es mir Spaß gemacht hat. Eigentlich wollte ich auch nie studieren, deshalb die Ausbildung. Das klang cool, kreativ. Irgendwas mit Marketing. Am Ende doch nur moderne Sklaverei im Büro für einen Hungerlohn. Das waren 2,5 Jahre die mir persönlich viel gebracht haben, beruflich eher weniger. Aber wirtschaftliche Themen interessieren mich ja eigentlich, hab ich mir gedacht. Stelle ich mich einfach mal breit auf und studiere BWL. Wird schon passen habe ich mir damals wohl gedacht.

Jetzt bin ich im 4. Semester, mitten in der Prüfungsphase und sollte eigentlich lernen. Stattdessen aber hänge ich zu Hause mit meinen Gedanken ganz woanders. Ich bin sehr aufgewühlt, weil in mir nach gefühlt 40 Absagen für Praktikumsplätze (teilweise trotz Vitamin B bis in Vorstandspositionen) langsam die Erkenntnis reift, dass ich vielleicht auf einem falschen Weg bin. Naja um ehrlich zu sein hat es sogar richtig „Peng“ gemacht, mit einigen Tränen und noch größeren Selbstzweifeln.

Wenn mich Menschen fragen, was ich so mache, dann antworte ich immer und ausnahmslos, dass ich Fotograf bin. Trotzdem studiere ich noch BWL. Und es macht mich unglücklich. Denn ich habe kein wirkliches Ziel. Es geht mir in meiner aktuellen Situation unfassbar schlecht, denn ich bin an einem Punkt an dem ich merke: Eigentlich wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, werde ich vermutlich nie oder wenn nur sehr kurz in einem Angestelltenverhältnis nach dem Studium sein. Ich war schon immer mehr ein Freigeist und kreativer Kopf, der aneckt und der in einem steifen Büro nichts verloren hat. Fotos machen passt viel mehr zu mir. Ich höre ständig „Ach Erik du wirst eh Fotograf“. Aber auch hier befinde ich mich in einer Situation die mich zweifeln lässt.
Ich habe Equipment, schon viel Erfahrungen gemacht, einige kleine Jobs gehabt und könnte theoretisch morgen mein Studium aufgeben und als Fotograf durchstarten. Und ich glaube, dass ich das tun sollte. Aber jetzt kommt das Problem: Nämlich mein Kopf. Ich frage mich wie ich das schaffen soll? Mich kennt kaum einer, und die Auftragslage momentan reicht lange nicht um meine Miete zu zahlen und den Kühlschrank zu füllen. Ich bin unzufrieden mit meiner Arbeit, trete auf der Stelle, will mehr als dabei herauskommt.

Puh, das klingt alles so verzweifelt. Ist es auch. Ich bin wirklich sehr verzweifelt. Was für mich fest steht ist, dass ich nach meinen Prüfungen ab dem 04.02. ein Semester pausieren werde. Um etwas für mich ganz persönlich zu tun. Herauszufinden was ich bin, was ich will und was zu mir passt. Ich denke Fotografie kann mein Weg sein. Aber dazu brauche ich neuen Input, jemanden der mich an die Hand nimmt und mich nach vorne stößt, mir meine Denkmuster zerstört und mich mitreißt. Einen Mentor und Mut. Ich will etwas tun, etwas ändern und verändern, damit ich den Weg gehen kann, den ich vielleicht gehen sollte.

Dazu habe ich mich auch bei verschiedenen Fotografen beworben für ein Praktikum bzw. eine Assistenz über 6 Monate. Bisher ist es da jedoch recht still. Ich weiß, solche Stellen sind schwer zu bekommen.
Auch bei dir möchte ich mich hiermit um ein Praktikum oder eine Assistenz mind. für 6 Monate bewerben. Ob du jemanden suchst oder brauchst, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass ich seit sehr sehr langer Zeit nicht mehr so motiviert war, etwas zu tun. Ich möchte lernen, arbeiten, lernen, noch mehr arbeiten und noch mehr lernen. Mir auf gut deutsch gesagt den Arsch aufreißen.
Und das möchte ich sehr gerne an deiner Seite tun, denn du hast mit deiner philosophischen Herangehensweise an deine Arbeit eigentlich genau das, wo ich irgendwann mal hin möchte.
Du hast Persönlichkeit und du machst dein Ding. Authentisch und ehrlich.

Mir ist völlig bewusst, dass meine Aussichten darauf recht beschränkt sind. Der Versuch ist es mir aber trotzdem wert.

Es grüßt dich aus dem Prüfungsstress und aus dem schönen Düsseldorf,
Erik


 

Hi Erik,

Vielen Dank für deine Mail. Ob Du es glaubst, oder nicht: Du bist nicht der einzige da draußen. Ich bekomme fast täglich Mails wie deine. Und auch wenn ich jedem einzelnen von euch gerne helfen möchte, so lässt es doch meine Zeit nicht zu. Ich könnte hier theoretisch 30 Praktikanten parallel beschäftigen (leider nur theoretisch). Ich habe hier neben dem Verlag, dem Blog, den Workshops, und meiner eigentlichen Arbeit als Fotograf, auch noch eine Familie, die mich gerne sieht. Und die ich übrigens gern auch sehe. 🙂 Ich habe mir die Zeit genommen, dir zu antworten, weil ich hier gerade auf einem Kurier warte (sonst hätte ich die Zeit auch nicht.)
Ich könnte dir jetzt davon berichten, dass ich glücklich gewesen wäre, solche Chancen wie du gehabt zu haben. Nämlich, jung zu sein und die Wahl zu haben. Ich hatte viele Jahre keine Wahl, hab mich durchgebissen, bin hingefallen und wieder aufgestanden. Und am Ende ist das die eigentliche Kunst:  Steh einfach einmal mehr auf, als du hin fällst. Dann bleibst du oben. Erst mit Ende 30, konnte ich es mir leisten, ganz bei null anzufangen und in die Fotografie einzusteigen. Und das auch nur, weil ich seelisch und finanziell total im Arsch war und mir keine andere Wahl blieb.
Ich will ehrlich sein:  Der Beruf des Fotografen hat mit Fotografie nicht viel zu tun, jeden falls nicht so, wie es dir die Bezeichnung suggerieren will. Die meiste Zeit, sitzt du an völlig anderen Dingen, die meistens nichts mit Fotografie zu tun haben. Die Kamera hast du nur in 10 % der Zeit in der Hand. Wenn du die Fotografie liebst, dann fotografiere. Du brauchst dazu weder meinen Segen noch den irgendeines Institutes oder einer Lehranstalt. Fotografiere, wenn’s dir Spaß macht. Suche in ihr einen Ausgleich und gib dich hin. Wenn du Glück hast, wird dir irgendwann mal einer dafür Geld geben. Aber davon Leben können die wenigsten. Wenn du das willst, musst du ne Menge Kompromisse eingehen und dir weitere Spielfelder suchen die Geld bringen. Ich kenne Leute, die nach einiger Zeit, alles wieder hingeworfen haben, weil sie das leider viel zu spät gecheckt haben. Ich kenne aber auch Leute, die den Mut hatten es durchzuziehen. Sie sind eine Menge Risiken eingegangen, haben die Arschbacken zusammen gekniffen, haben sich Geld geliehen, und waren unendlich mutig. Das sind die, die es geschafft haben. Und vielleicht sind das auch die, die du gemeinhin als Fotografen bezeichnet. Also einfach ist es nicht! Und ich bin mir ziemlich sicher, die Zukunft wartet nicht auf noch mehr Fotografen. Außerdem: Die Agenturen kürzen die Tagessätze jedes Jahr auf´s Neue und die Microstock-Portale verramschen Hammer-Fotos für wenige Cents. Du wirst besser sein müssen als alle anderen, wenn du mit Fotografie Geld verdienen möchtest. Und du musst die den Arsch weiter aufreißen als alle anderen, die schon länger dabei sind und dadurch einen gewaltigen Vorsprung haben.
Ich kann dir ganz aufrichtig sagen, dass ich mir sicher bin, dass du deinen Weg gehen wirst, wenn deine Verzweiflung groß genug ist und dein Willen vorwärts zu kommen ebenso. Mach dein Ding und lass dir von niemanden einreden, dass du nicht gut genug bist. Die Natur hat dich genauso erschaffen, wie du jetzt bist. Und das aus gutem Grund. Werde Fotograf, wenn es das ist, was du tun willst, aber nicht, wenn es cool für dich klingt!
Viele Grüße
Steffen