18
Nov
2011
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kann man einen 20 Jahre alten ORWO NP20 noch entwickeln?

… und soviel vorweg: Ja man kann! Es ist jedoch eine Sache des Gemüts, der Leidensfähigkeit und der Lust am Experimentieren.
Ich bekam vor einiger Zeit ein Paket mit einer Handvoll Filmen aus der DDR. ORWO NP20, NP27 und NP15. Das Ablaufdatum war datiert mit „irgendwas 1990„. Ich hab keine Ahnung, wo das Zeug die letzten 20 Jahre gelegen hat und welchen Temperaturen es ausgesetzt war. Normalerweise ein Ding für die Tonne. Doch ein Pirat ist auch ein Entdecker und so belas ich mich in diversen Quellen, wie man mit solchem Filmmaterial umgeht.

Die Schwierigkeit dabei besteht darin, dass die Verarbeitungshinweise des Filmes, auf den, in der DDR gebräuchlichen Schwarz/Weiss-Entwickler „A49“ fusst, den es natürlich irgendwie auch nicht mehr gibt. Dachte ich! Doch die aus dem ehemaligen VEB ORWO hervorgegangene Firma Calbe Chemie, führte das Produkt bis vor einiger Zeit irgendwie fort (und stellte es dann doch wieder ein (wie ich hörte)), und so kam ich über meinen Analog-Dealer Spuersinn an  3 Beutel A49
Allerdings fehlten auch hier die Verarbeitungshinweise für ORWO Filme und so quälte ich mich durch diverse Klugscheisser-Foren, die alle irgendwie andere Tipps zur Verarbeitung gaben.  Ein weiterer Pferdefuss ist, dass man nicht weiss, wie der Film die letzten 20 Jahre überstanden hat und ob er immer noch über die 80ASA verfügt… So what! Ausprobieren!

Ich belichtete den Film bei meinem letzte Ostsee Besuch mit meiner Pentax 67 und dem Neuzugang 165/2,8 stur mit 80ASA und machte mich gestern im Beisein meines geliebten Edel-Assis Josh an die Entwicklung. Bereits beim Einfädeln des Films in die Filmspule der Entwicklerdose dann das Gefühl: „Alles Scheisse, Deine Gerda!“…  Das Schutzpapier des Films war mit dem Film bereits eine Melange eingegangen. Will sagen: Das Papier klebte am Film fest und lies sich nicht mal unter Ausrufen allerschlimmster Schimpfwörter im abpuhlen. Zentimeter für Zentimeter kämpfte ich mich  – das Gesicht zur Faust geballt – die Arme im Wechselsack – durch den störrischen Film, bis ich zumindest, die ganz dicke Aussenschicht des Papiers abgepuhlt hatte. Ich fühlte deutlich, dass der Rest des Papiers dicht am Film klebte und war drauf und dran, das Experiment abzubrechen. Doch wollte dem jungfräulichen „MAT Josh“ zeigen, wie man Filme entwickelt und so entschloss ich mich einfach stur weiterzumachen. Nach gefühlten 2h des Puhlens und Fummelns im Wechselsack, dann endlich die Vollzugsmeldung: „NP20 mit Papierresten in die Entwicklerspule eingefädelt wo ist der Schnaps!?

Ich wässerte den Film ein ganzes Weilchen vor, weil ich hoffte, dadurch auch das Papier zu lösen, bis mir der Gedanke kam, dass das gar nicht so gut ist, weil ich es auf der Rückseite des Trägermaterials zumindest „unter Kontrolle habe“ Wenn das Papier sich erst löst und sich Reste auf die Emulsionsseite festsetzen, ist „Schicht im Schacht“… Ich entschied mich wild für 16min Enticklungszeit bei 20°C und legte los. Mat Josh kippte fein alle 30Sekunden und ich kontrollierte ihn, ob er das richtig macht 😉 … weitere 8 Minuten Fixiert und dann öffnete ich die Dose mit einer Spannung, die sich gewaschen hatte (Und, ja: Josh musste vorher noch mal ganz dringend auf´s Klo, und so wurden es 8:30“ Fixierung)… Boaaahhh!

Das Papier klebte zwar immer noch fest am Film, man konnte allerdings schon recht genau sehen, dass die Innenseite (also Emulsionsseite des Films) gut Entwickelt war. Ich hab den Film dann einfach eine weitere Stunde im Wasser eingeweicht, bis das Papier sich abpuhlen lies und was soll ich sagen?

I LIKE DA SHIT WAS DA RAUSKAM! Und Ihr?? (Klick macht gross!)

Bei den ersten Beiden Bildern war das Türchen der Pentax nicht ganz geschlossen… aber Scheiss drauf!

42 Responses

  1. Pingback : ORWO NP20 « A Lens a Week Blog

  2. mitch

    Hallo,

    und herzlichen Glückwunsch zum erfolgreichen Entwickeln des alten NP20. Das Ergebnis ist wirklich klasse.

    Hab heute, ganz zufällig, 4 Orginalpakete Orwo A49 bekommen. Und dann hab ich da noch diesen alten NP 20 (Ablaufdatum: Juni 1978) auf dem Schrank stehen. Bei diesem tollem Ergebnis werd ich den, höchst wahrscheinlich, dann doch in meine F70 packen.

    Vielen Dank für dieses tolle Experiment…

  3. Ich habe aus einem Erbstück einen (wahrscheinlich) belichteten Film Orwo NP20 gezogen. Den würde ich jetzt liebend gern entwickeln lassen.

    Wo lass ich das am besten machen? Hast du einen Tipp? Einfach zum Fachhändler? Oder lieber in den nächsten Fotoclub?

  4. Pingback : Dunkelkammer olé | Der Stilpirat

  5. Ralf Jannke

    Hallo Stilpirat

    Das: „Kann man einen 20 Jahre alten ORWO NP20 noch entwickeln?“ kann ich noch toppen! Wobei ich der Fairnis halber sagen muss: „Ich habe entwickeln lassen.“ Was? Einen 50 Jahre in einer Kamera liegenden, belichteten SW Film…

    Es begann mit einem Besuch in einem (schwedischen) Laden, der diversen alten Kram verhökert. Kein richtiger Antiquitätenladen, eher eine Art fester Flohmarkt mit „hohem Warendurchsatz“.

    Da ich zur Illustration eines Artikels noch eine alte Kamera wollte, fiel der Kauf einer Kodak Brownie für umgerechnet rund 5 Euro nicht schwer. Aus reiner Bastellust wurde die Kamera geöffnet. Der Rest der Story hier:

    http://www.photoscala.de/Artikel/Eine-Kamera-mit-Geschichte

    Die Geschichte endete schließlich mit Besuch und Übergabe der 50 Jahre alten Fotos an die glücklichen Besitzer!

    Ralf Jannke/Bonn

  6. Pingback : Was war, was wird… | Der Stilpirat

  7. ulli

    Den A 49 gibt es noch bei fotoimpex

    „Feinstkorn-Negativentwickler A 49 ist identisch mit ADOX ATOMAL 49“

    Ich benutze den A 49 auch für Ilford SW-Filme (6 x 6) für die Lochkamera.
    Über die Verlängerung der Entwicklungszeit (ca. 45 min) kann mann die Körnigkeit verbessern.

  8. Holger

    Ohne jetzt irgendeiner Art der Ostalgie verfallen zu wollen, hat es sich doch gelohnt diese „Altplaste und Elaste“ zu befeuchten.
    Die passende Kamrera hast du ja auch benutzt. Vielleicht war der Film ja deshalb so freundlich nicht Ergebnisslos aus dem Entwicklungsprozess zu kommen.

    Gruß Holger

  9. Wow, da fällt mir ein, irgendwo im zweitkühlschrank ganz hinten im Gemüsefach da liegen noch alte SW-Filme aus den 90ern -- vielleicht sollte ich einfach mal eine digitale Auszeit einplanen und zwischen den Jahren auf alten Pfaden wandeln.

    Bin gerade erst auf deinen Blog gestoßen -- genial! Bis auf die Tatsache, dass jetzt der Tee kalt und die Küche noch nicht aufgeräumt ist.

    Gut Licht!
    Annette

  10. Michaela

    Super tolle Fotos!
    Da fällt mir ein, dass ich hier noch einen bereits belichteten Rollfilm habe den anscheinend niemand entwickeln kann (Kodak…). Ob ich je erfahren werde was auf diesem Erbstück zu finden ist?

  11. Man, beim ersten passt der Lichteinfall doch wie Faust auf Fresse. Finde ich total klasse das Foto.
    Und ähnliche Fratzen mache ich wohl auch beim fummeln im Wechselsack. Vor ein paar Tagen erst wieder „aufspulen from hell“ 🙂

  12. Mit diesen Filmen habe ich das Fotografieren gelernt, das Ganze mit einer Pentacon six. Aber meine Begeiserung hält sich heutztage in Grenzen, und wenn ich die ganzen Fusseln und Flecken sehe, dann erinnere ich mich an meine häufige Verzweiflung, ein vermeintlich gutes Bild gemacht zu haben und dann das ganze Zeug drauf. Nee, nee, ich bin froh, dass es die digitale Fotografie gibt. Oder ich bin noch nicht reif für die Rückkehr des Analogen.
    Ich habe übrigens noch zwei Bücher in meinem Bücherregal zu stehen, in denen sehr detailliert beschrieben ist, wie man mit dem DDR-Fotomaterial umzugehen hat. Auch mit vielen kreativen Ideen, die würde ich Dir glatt überlassen.

  13. Also, zur Not könnte man vermutlich einen herkömmlichen Butterkeks in Rodinal entwickeln und ein brauchbares Negativ bekommen…. Allen Ernstes aber: Rodi 1+100 ohne Kippen für ’ne Stunde (oder 2) ist meine Notlösung für derartige Probleme. Es geht einfach alles. Vermutlich sogar Kodachrome. 😉

  14. Ich habe auch neulich erst einen alten Orwo meines Vaters belichtet. Das stinknormale Großlabor scheint damit kein Problem gehabt zu haben. Sieht alles super aus. Ohne besondere Anweisungen.

  15. Frank

    vor ca. 20 Jahren suchte ich ORWO Fotopapier, Annonce gefunden und mit den Rad nach Kreuzberg. Der Typ schlief darauf -- 2x3m gestapeltes Kartons aus der Konkursmasse eines Händlers 🙂 Mein Rucksack war so schwer, dass ich auf der Felge nach Hause gefahren bin. Schade, beim letzten Umzug ne Menge weggeschmissen -- hätte man wohl noch benutzen können.

    zu den Bildern -- die Arbeit (und das Fluchen) hat sich gelohnt

  16. Wat für ein Aufwand, der sich aber echt gelohnt hat. Hey, 20 Jahre abgelaufen -- Mauerfall überlebt und dann auch noch deine Entwicklungsfummelei. Super-Top und 1A!

  17. Keine Ahnung ob es geht, aber ich hätte es einfach probiert. Nachdem selbst bei ’nem ewig abgelaufenem SW-C-41 und ’nem E6 mit Rodinal was brauchbares rausgekommen ist, warum sollte es bei den ORWOs nicht genauso klappen? Ja, eine Stunde bei 1+100 Verdünnung 😉

  18. Ein Film der lange lagert wird nicht unempfindlicher sondern im Gegenteil, er wird empfindlicher. Das machte man bei der Herstellung auch, die normalen reifte man bis auf ein Minimum vor, ein Teil wurde auf ein optimalen Wert gereift in der Hoffnung das man ihn kühl und trocken lagert, und verkaufte ihn z.b. als „professional“.

  19. du bist echt ein irrer hund!!!! ich mag deine art wie du mit der analogen fotografie spielst..sehr geil!!! und die resultate sind spitze und genau..SHIT druff ob die tür zu gewesen ist und der edel-assi nochmal die konfirmandenblase leeren mußte dem film ist scheinbar alles wurscht gewesen und das ist gut so. danke

  20. Absolut geil! Das Zweite ist mein Favorit! Ich hätte mir die ganze Mühe mit dem A49 allerdings gespart und den Film einfach in Rodinal gehauen und eine Stunde stehen lassen. ^^

  21. Wow, tolle Ergebnisse!
    Man sieht, es lohnt sich immer wieder alte Filme zu belichten und zu entwickeln.
    Habe sowas auch noch vor, allerdings nur mit nem alten PanF und KB.
    Belichtet ist er schon, muss „nur“ noch entwickelt werden.
    Schönes Wochenende!
    Gruß Björn

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