23
Jun
2010
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Achtung Fotogeier!

Nachdem ich am Montag ein paar Worte über die Spezies der Wegdreher referiert habe, heute nun meine Lieblinge – die Fotogeier. Ich habe sie in etwa so gern wie „passend Zahler“, „Vorläufer“ „Rolltreppen-links-Steher“ und „Anstarrer“.

Der gemeine Fotogeier hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht möglichst oft abgelichtet zu werden und den Fotografen zu nerven. Hierzu bedient er sich eines differenzierten Portfolios an Manövern – teils gerissen jedoch meistens plump. Sobald der Fotogeier einen Fotografen sieht, verhindert eine angeborene Aussprechsperre alles Weitere. In der Regel beginnt der Feldzug mit dem recht harmlos daher kommenden Satz: „Können Sie bitte ein Foto von uns machen?“

Als Freiberufler und gebuchter Fotograf verhindert der Anstand die ehrliche Antwort: „Ich hasse derlei Fotos Du Nieswurtz – die machen mir nur die Galerie hässlich“ und so antwortest Du natürlich lächelnd: „Sehr gerne!
Ohne es zu wissen hat der Fotograf mit diesem Satz seinen „PONR“ erreicht – den „Point Of No Return“. Denn der Satz „Sehr gerne!“ ist die Fahrkarte des Fotogeiers ab jetzt auf den Nervenbahnen des Fotografen Achterbahn zu fahren.

Das Ablichten des debil grinsenden Fotogeiers samt eilig herbeigeholter entfernter Verwandter vor einer nichtssagenden Wand war jedoch das Startsignal für die zweite Reihe. Ein kurzer Blick und dann schwärmen sie aus – ich bin das Aas. Fotogeier brauchen einen „Dabei-seier“ denn der Fotograf als einziges Opfer reicht ihnen nicht. Und so finden sich im Sekundentakt Leute verschiedener Herkunft und Schicht vor der nichtssagenden Wand wieder und platzieren sich. Als Fotograf – der die schönen Momente des Abends einzufangen versucht – ist diese Aufgabe das Waterloo. Du bist drin und kommst nicht raus! Es gibt keine größeren vom Sinn befreiten Motive als diese. Du bist der zum Fotoautomat degradierte Idiot der Veranstaltung. Und wenn Du es geschafft hast alle Anwesenden einmal durchzufotografieren, steht das Alpha-Tier wieder vor dir – diesmal jedoch mit einem anderen „Dabei-Seier“.

Hiermit wird Runde 2 eingeläutet: „Partnertausch“. Ab jetzt wird jeder Fotogeier versuchen ein weiteres Foto mit einem anderen Anwesenden zu erhaschen: Motiv: „ich-vor-einer-nichtssagenden-Wand-mit-jemand-den-ich-nicht-kenne-war aber-ein-schöner-Abend!“

Runde 3 läute ich ein: „So Kinder, jetzt muss ich aber auf´s Klo – wer kommt mit?“ Ich sehe in der Tat einige Hände und denke mir meinen Teil. Auf dem Klo wechsle ich das 24-70 gegen ein 70-200. Ab jetzt wird aus dem Schützengraben geschossen. Ich stelle mich ins Halbdunkel neben den Vorhang und sammle aus meterweiter Entfernung schöne Motive. Mein Plan geht etwa 20 Minuten auf bis ich wieder entdeckt werde. Das Alpha Tier zottelt mich am Arm – ich hatte seine „Hallo“-Rufe in den letzten 3 Minuten einfach mal ignoriert. „„Können Sie bitte noch ein Foto von uns machen?“.

Das Gesicht zur Faust geballt folge ich ihm in bekanntes Revier – sein Zuhause – die nichtssagende Wand. Ich mache das Foto mit ihm und einem offenbar völlig betrunkenen „Dabei-Seier“ und die Mühle beginnt von vorn. Der Klo-Trick würde ein zweites Mal auffallen und so entschliesse ich mich für ein „Golden Retriever Gesicht“ und stammle was von „Speicherkarte voll“, „Neue holen“, „Auto“… Draussen atme ich durch. Der Fotogeier ist mir gefolgt und fragt nun, wie er  eigentlich an die Fotos komme. Ich bitte ihn, sich einfach mal an den Veranstalter zu wenden, dem ich alle Bilder zur Verfügung stellen werde und nun kommt aus ihm der denkwürdige Satz. „Cool! Wer ist der Veranstalter?

Eine Träne rinnt mir die Wange herunter. Ich blicke wie ein angeschossener Hund auf die Erde und schweige. Der Fotogeier gibt jedoch nicht auf. Noch bin ich nicht erledigt – ich lebe ihm offenbar noch zu sehr. „Kann ich ihnen nicht einfach meine Email-Adresse geben und sie schicken mir die Bilder dann zu?“ – Ich höre mich sagen: „Heeeeeyyy Klassse Idee!“. Vielleicht lege ich gleich noch mal ne Liste aus, in die sich jeder eintragen kann!?“. Der Fotogeier ist sich nun plötzlich nicht mehr so sicher, ob er mich ernst nehmen soll und so geht er auf Nummer sicher: „Haben sie ne Karte von sich dabei?“. Ich wühle absichtlich in falschen Fächern und stöhne: „Hmm Mist, vergessen!“. Geben Sie mir doch einfach ihre Karte.“

3 Uhr morgens fährt ein schwarzer Golf, geführt von einem blonden Fotografen, Richtung Süden. Das Fahrerfenster fährt langsam herunter und ein weisses Stück Papier – etwa so groß wie eine Visitenkarte – fliegt heraus. Der Wind trägt es einige Meter,  bis es direkt neben einem Gully landet.

15 Responses

  1. Pingback : Meine besten Blogposts 2010 | Der Stilpirat

  2. Olaf

    Ich habe soeben eine „dritte“ Gattung kennen gelernt: „Lass uns doch die Speicherkarten tauschen“.
    Nur 5 Min. auf der Veranstaltung mit ner Handycam rumlaufen und dann die Bilder der anderen Fotografen abgreifen wollen.

  3. Nicht unbedingt auf Photographie gemünzt, aber ähnlich: Invite-only Parties. Keine Ahnung ob das nur in Berlin so ist, aber ich finds schon extrem dämlich, wenn auf derlei Events eine Band sich auf der Bühne den Arsch aufreisst, um Stimmung in den Laden zu kriegen, sich aber niemand dafür interessiert, weil es nur ums sehen und gesehen werden geht, und genau deswegen auch besagte Stimmung nicht aufkommt. Es sind die Attention Whores, die einfach langweilen.

  4. Pingback : Conversion Rate – ein Kampf mit Windmühlen | ab-test, conversion, cro, ctr, farben | der Webarchitekt

  5. Einfach perfekt geschrieben, noch besser als die „Wegdreher“.

    „Das Gesicht zur Faust geballt folge ich ihm in bekanntes Revier – sein Zuhause – die nichtssagende Wand.“

    Göttlich wie wahr das ganze ist…

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