28
Apr
2010
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Die “immerdabeigurke” Nikkor 24-70/2,8

Seit 3 Wochen bin ich nun  ein Nikkor 24-70 „User“ und hab in dieser Zeit sehr viel über dieses Objektiv gelesen und gelernt. Zunächst möchte ich voraus schicken, daß ich hinsichtlich des Aufbaus und der Wirkungsweise von Linsengruppen und aspherischem „Gedöns“ noch relativ – sagen wir mal – jung bin. Ich kenne Bildwinkel und Ausschnitt von Brennweiten, weis um die Wirkung offener und geschlossener Blenden und finde mich bei der Auswahl der richtigen Linse für die Gestaltung eines Motives gut zurecht. Mir hat es bisher gereicht. Ich muß zugeben, ich bin keiner, der nach dem Kauf eines Objektives bunte Versuchsaufbauten in 20 Blendenreihen abfotografiert…

Das „24-70“ ist mit einem Anschaffungspreis von etwa 1.500€ mein bisher teuerstes Objektiv, entsprechend waren meine Erwartungen. Ich hatte einige Festbrennweiten im Weitwinkelbereich sowie natürlich das obligatorische „Fünzig 1,4“ Ein 105er Makro sowie das 80-200/2,8 runden mein Konvolut nach oben ab. Ich war sehr zufrieden mit meinem 24/2.0 und dem 28/2,8 (immer Nikkor) , doch das ewige Wechseln ging mir – u.a. ob des Sensor-Dreck-Einfangens – dann doch auf den Geist. Über das Nikkor 24-70/2,8 ED (N) hatte ich im Vorwege ne Menge gelesen… Von „immerdruf“ bis „Enttäuschung-pur“ war alles dabei. Einige „Gurken“ sollen unterwegs sein und ich wühlte mich durch seitenlange Diskussionen im Nikon-Forum. Mittlerweile weiss ich: Ein paar physikalische Grundregeln sollte man bei der Nutzung des Nikkor 24-70/2,8 schon kennen, um es zu lieben. Ein paar Hilferufe in den gängigen Foren (haaa… mein 24-70 ist eine Gurke!?) beruhen in den meissten Fällen auf Unwissen. Mir ging es anfangs ähnlich, deshalb möchte ich mein „gelerntes“ der letzten Wochen in dieser Blogpost zusammenfassen…

Irgendwann war es also da – schwarz-golden mit dem großen „n“ (für „Nanokristallvergütung“) auf dem Ring und dem superschnellen Silent-Wave Motor. Das Objektiv der Objektive – das Beste, was in diesem Bereich zu kriegen ist… Haaach!

Das erste Ausführen meiner neuen Linse geriet schnell zum Desaster. Ich schoss stolz erste Landschaftsmotive mit f8 und geriet ob der fehlenden Schärfe in Panik und rechnete schnell Rückgabe plus Umtausch minus Termin zum nächsten Job… befragte per Twitter die Spezialisten (thx nochmal Dank an knipsbuex und rim_light…), doch das erste richtige „Wow“-Gefühl wollte sich nicht bei mir einstellen… Im Nahbereich überzeugte mich die Scherbe, doch bei f8 oder kleiner war ich von meinen Festbrennweiten besseres gewohnt. Ich hatte die Schärfe meiner Weitwinkel-Festbrennweiten auf der gecropten Nikon D90 im Hirn und verglich diese nun mit einem Zoom-Objektiv auf meiner neuen Vollformat-Kamera – der Nikon D3s (wie ungerecht)! Die Pups-Knipse aus dem Doofmanns-Markt liefert bei 12 Millionen Pixeln mit einem 100€ Objektiv schärfere Bilder als das teure Megateil auf der Vollformat… wie kann das sein?

(Was jetzt folgt sind übrigens Milchmädchen-Erklärungen für Anfänger – Profis beweihräuchern sich bitte in den üblichen Klugscheisser-Foren!)

Fangen wir mal an zu analysieren und haben gleich mal nachgedacht: der „große“ Vollformat Chip meiner Nikon D3s bedeutet „geringere“ Schärfentiefe als die meiner „kleinen“ Kamera mit APS-C Sensor (also meiner alten Nikon D90)… – das „Problem“ hat eigentlich jede Kompaktknipse: Alles ist immer irgendwie scharf – nichts ist „tief“. Die Schärfentiefe nimmt mit der Größe des Aufnahme-Mediums ab. Diesen Effekt kenne und liebe ich. Und er war einer der Gründe, warum ich die Vollformat (Nikon D3s) unbedingt haben wollte und meine alten analogen Mittelformat Kameras bisher nicht aufgab. Ok, das ist soweit klar… aber auch Vollformater sollten scharfe Landschaftsbilder hinkriegen, oder?

Nun lernte ich durch allerhand Durchwuseln, daß maximale Schärfentiefe nicht gleich maximale Schärfe ist. Bei Blende f4 (und 24mm) erreicht das schöne Stück Ingenieurskunst nämlich die besten Abbildungs- und Schärfeeigenschaften! Bei höheren Brennweiten (40mm und 70mm) dann bei f5,6. Bei f8 läßt die Schärfe bei diesem Objektiv bereits nach, wie man auf den Diagrammen des recht ausführlichen Tests erkennen kann: http://www.photozone.de/nikon_ff/456-nikkor_afs_2470_28_ff So langsam dämmert´s…

Nun denken wir darüber nach, daß der Fokusbereich bei dem 24-70 zwischen 38cm und 2m liegt, was bedeutet: Nach 2 Metern kommt sowieso unendlich… Dies wiederum macht eine sehr kleine Blende bei Motiven die weiter als 2m entfernt sind als Schärfentiefe-Gestaltungsmittel unnötig… Ist die Schärfe-Ebene weiter als 2 Meter entfernt, kannst Du Dich bei dem 24-70 auf f4 und f5,6 verlassen – Knackig scharf und herrlich anzusehen… wer hätte das gedacht.

Also: Du kannst das Nikkor 24-70 bei f2,8 innerhalb eines Radius‘ von 2 Metern herrlich zum Freistellen von Objekten einsetzen. Der Fokus ist blitzschnell und bildet das Motiv schon bei dieser offenen Blende knackscharf ab. Alles darüber hinaus ist bei f4 und f5,6 bestens bedient. Die Verschlusszeiten der Nikon D3s gehen bis 1/8000 – die Notwendigkeit kleinerer Blenden als Lichtschlucker ergeben sich für mich nur bei grellem Sonnenschein. In diesem Fall (und für User „kleinerer“ Kameras mit Verschlusszeiten bis 1/2000) bleiben da noch Graufilter um die Beugungsunschärfe zu umgehen. Aber lassen wir mal die Kirche im Dorf: Das, was die Scherbe auch bei mittleren und kleineren Blenden leistet ist immer noch „ganz großes Tennis“. Nur „Überdehnen“ sollte man sie ebenso wenig, wie versuchen bei Blende 2,8 den Himalaya scharf zu stellen. Merke: Je kleiner die Blende, desto schärfer das Bild ist Quatsch!

Nun noch ein paar Bildbeispiele:

f22 – so wirds nix!: f22.jpg (Originalgröße). Scharf ist was anderes…

Im Vergleich: Bei f8 sieht das selbe Motiv schon besser aus ist aber noch nicht wirklich befriedigend: f8.jpg (Originalgröße)

Als ich die Fotos gemacht habe, wusste ich das mit „f4“ noch nicht. Deshalb fehlt ein Vergleich dieses Motives mit f4  ;-(

Hier mal ein Foto des 24-70 bei f4 mit angenehmer Schärfe (klick macht groß): Flur (Originalgröße)

Im Nahbereich bei f2.8 ist alles chico: Nahbereich (Originalgröße)

Eignet sich das Nikkor 24-70/2,8 nun als „Immerdabeiobjektiv“? Ein klares „JEIN“! Ich bin großer Fan von offenen Blenden und wenig Schärfentiefe. So lange mein Motiv im Radius von 2 Metern vor mir liegt oder ich eine große Schärfentiefe brauche, ist es ein fantastisches Objektiv. Das 80-200 kann mit seinem Fokusbereich bis zu 10m schon „tiefer“… aber dann fehlt mir natürlich die „Breite“…

DAS IMMERDABEI für alle Situationen gibt es nicht und wird es so schnell wahrscheinlich auch nicht geben… und sollte ich in irgendeinem Forum mal wieder den Hilfeschrei lesen: „Hilfe, mein 24-70 ist eine Gurke“, dann hab ich nun zumindest einen Artikel, den ich verlinken kann… Kein großes „Linsen-ABC“, aber immerhin halbwegs verständlich, oder?

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Erste Erfahrungen: Nikkor 24/1,4G
Beute: Sigma 15-30 DG/3,5-4,5 EX

17 Responses

  1. Pingback : Was ist die Hyperfokale Distanz und wie finde ich die richtige Blende?

  2. Pingback : Nikkor 24-70/2,8 zu verkaufen | Der Stilpirat

  3. Lurzifer

    Ich wollte eigentlich gerade mein Nikkor AF 24-80 zurückgeben. Ich Depp hab mit Blende 22 einen ganzen Tag lang fotografiert, hab nen Sonnenbrand und starre nun fasziniert auf lauter unscharfe Fotos… Danke für Deinen Artikel!

  4. Sorry, dann habe ich das wohl alles falschverstanden …. Ich nahm an Du redest über den Schärfentiefebereich. Ich bin davon ausgegangen, Du stellst auf irgendein ein Objekt im hinteren Bereich bis unendlich scharf und löst aus. Der Schärfentiefebereich bei f11 ist da logischerweise größer als bei f4. Das meinte ich. Man sieht das ja auch auf deinen Bildern. Das schwarze Auto ist bei f8 schärfer als bei f4. Naja, bin grad 50 geworden, da geht das nicht mehr so schnell … 😉

  5. muß Dir leider vehement wiedersprechen. Bei Blende 4 hast Du nach 2 Metern bis unendlich auf keinen Fall die besten Ergebnisse und Details sind bei 2 Metern alles andere als scharf. Das wäre am FX Sensor auch nicht möglich. Ich habe eben mal schnell 4 Bilder geschossen (D700) mit jeder Menge Detailreichtum von vorn bis hinten. Einmal mit Blende 4 und einmal mit Blende 11 (meine Lieblingsblende bei Landschaft!) Das alles mit ISO LO1 (entspricht ISO 100). Fazit: Die 11er Bilder sind von vorn bis hinten scharf, die 4er Bilder definitiv nicht. Wie auch. Wenn Du sie haben möchtest zum kontrolieren, schicke ich sie gern rüber … 😉

    1. Vielen Dank Euch allen für die lieben Kommentare! Ich freue mich, wenn die Stunden der Mühe so einen Sinn ergeben…
      @Herr Olsen: Mir ging es nur darum, daß die Linse mal als „Hammer“ und mal als „Gurke“ bezeichnet wird und dies i.d.R. auf Unwissenheit beruht. Ich wollte nur etwas Licht ins Dunkel bringen.
      @tom Es kommt natürlich auch immer darauf, woraus Du fokussierst. Wie im Artikel geschrieben, bin ich kein Typ, der bunte Versuchsreihen abfotografiert. Ich kenne Deinen „Versuchsaufbau“ nicht. Bei mir funktioniert alles wie beschrieben. Ich habe gerade eben -- um es noch mal gegen zu checken -- eine Stuhlreihe abfotografiert. Die Stühle stehen im Abstand von 2 metern.
      f2.8: f2.8 Stuhlreihe
      f4: f4 Stuhlreihe
      f6.3: f6.3 Stuhlreihe
      f8: f8 Stuhlreihe
      Der Fokus liegt auf dem 2. Stuhl, der im Abstand von etwa 2 Metern zu mir stand. Ich kann ab 2 Metern bei den unterschiedlichen Blenden wahrlich keinen Schärfeunterschied erkennen.

  6. @ Herr Olsen: Ich denke nicht, dass es hierbei um „Pixelpeeping“ geht, vielmehr darum, sein Werkzeug (und die damit verbundenen Möglichkeiten) zu kennen. Bei einem Rennen (und nichts anderes ist ja der Freie Wettbewerb) sollte man als Fahrer ja auch das max. Drehmoment des Motors kennen, um in Bestzeit um die Kurve zu kommen -- schlimmer noch: oft wird das Rennen in der Box entschieden… Lieg ich mit der Betrachtung falsch?

  7. Sehr schön und vor allem verständlich erklärt. Weder wusste ich das alles, noch hätte ich es in Foren vermutlich verstanden. Nun bin ich schlauer, auch wenn ich kein Nikonuser bin. Danke dafür..

  8. Pingback : Nikon 24-70mm f/2,8 – Hop oder Top?

  9. Ich habe einen ähnlichen Lernprozess hinter mir, wenngleich dieser nicht so mit einer vermeintlichen Enttäuschung verbunden war. Wenn man bisher nur „billige“ Objektive mit einer maximalen Schärfe bei ca. f/8 bis f/11 kennt, muss man sich erst daran gewöhnen, dass bei hochwertigeren Objektiven dieser Punkt schon viel früher erreicht wird. Als Daumenregel kann man sagen, dass etwa 2 Blenden kleiner als Offenblende die maximale Schärfe erreicht wird. Stimmt natürlich nicht für alle Objektive.

    Der Zusammenhang zwischen Schärfegewinn und Schärfeverlust durch abblenden ist hier ganz schön erklärt: http://www.foto-net.de/net/objektive/licht.html (Der Text rund um die zweite Grafik und die Grafik selbst.)

  10. Hallo Steffen,
    nimm es leicht. das 24-70 ist eine geile Linse. Das kann ich für mich im Studio sagen, und das uneingeschränkt bis f16!!!
    Für Landschaft nehme ich lieber FB, die sind auch leichter und mein Zoom sind meine Füße 😉
    Auch wenn es am Monitor nicht ganz scharf erscheint, schon gar nicht in der Bridge -- RAW Voransicht, mach einen Print und auch Du wirst zufrieden sein.

    LG Markus

  11. Philipp

    Bin genau wie Martin auch keine Nikon User, aber werde mich sobald meine „immerdabei Gurke“ angekommen ist, nochmal nach der „perfekten“ Blende erkundigen :)

  12. Ich kann dich beruhigen.
    Absolut verständlich dein Artikel!
    Vor allem deswegen weil vermutlich die meisten „Hilfeschreier“ mit ähnlicher Unwissenheit an die Sache rangehen wie du und daher auf eine Praxisnahe und nicht theoretisch-korrekte Problemlösung angewiesen sind!

    Grüße

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