22
Nov
2011
7

das teuerste Foto der Welt: Andreas Gursky „Rhein II“

Ich hab ne verdammte Woche dieses Foto im Kopf: Andreas Gursky´s „RheinII“ – das zweite Foto aus einer Reihe von sechs Bildern des Rheins. Und für die, die sich nicht für Fotografie interessieren und nichts so recht damit anfangen können: Dieses Foto erzielte bei einer New Yorker Auktion den Rekordpreis von 3,1 Millionen EURO und ist damit, das momentan teuerste Foto der Welt. 

Ok fassen wir mal zusammen: Ein Foto, das aussieht wie eine Studie eines Pixelpeepers, der sein neuestes Objektiv testet und seinen unsinnigen Test in´s DSLR Forum stellt. Ein Foto, das weder auf Whitewall noch bei Fineart Print in der Verkaufsgalerie irgendeine Relevanz hätte (wäre es nicht von Gursky). Ein Foto, das auf Flickr keine 20 Besucher anlocken würde und bei dem man bei facebook schon ganz gehörig um „likes“ betteln müsste. Ein Foto, dass – hätte ich es gemacht – keinen hinter dem Ofen hervor gelockt hätte. Und trotzdem erzielt es diese sagenhafte Summe! Verrückt oder?

 

Und genau da liegt der Fehler. Wir glauben in unserem beschränkten Hirn nämlich, dass ein Foto, das solch einen Preis erzielt, einen irgendwie ge-arteteten physischen „Gegenwert“ besitzen muss – und wenn der physische nicht reicht, dann wenigstens einen ästhetischen oder inhaltlichen. Nein, nicht mal die „aufwendige Nachbearbeitung“ (wegretuschieren eines Kraftwerks und „einer Person mit Hund“) oder die stattliche Größe von 3,80m rechtfertigt im üblichen Sinne den Preis in irgendeiner Form. Es ist die „Bedeutung“ des Fotos, die ausreicht, um einen solchen Preis zu erzielen. „Bedeutung“ – etwas was wir nur schwer greifen können. Eine Fotografie kann „bedeuten“! Hammer oder? Und die Geschichte des Fotos als auch sein Urheber, verlieh ihm offenbar eine ganze Menge Bedeutung. Und dabei will ich gar nicht davon anfangen, was genau dieses Foto so teuer macht. Es gibt offenbar jemanden auf der Welt, dem es den sagenhaften Preis von 3,1 Mio € wert war. Das reicht. Möglicherweise hat derjenige nicht mal Ahnung von Fotografie und sieht es nur als „Anlageobjekt“ – wir wissen es nicht. In solch turbulenten Zeiten „rettet“ man schnell man sein Kapital in Kunst. Und selbst bei dem Begriff „Kunst“ scheiden sich beim Anblick dieser Fotografie die Geister.

„Bedeutung“ – verrückt… so gesehen, find ich das Foto wieder richtig klasse…

43 Responses

  1. Pingback : Fotografen und der „Profi“ Status: Standesdünkel oder was? | Portrait Foto Kunst

  2. Hubertus

    warum wird sich immer wieder über das Thema „Wert von irgendwas“ gestritten / auseinadergesetzt? Das zeigt doch nur, dass es eben dem einen mehr und dem anderen weniger Wert ist… mancher mag nicht verstehen, wo der Mehrwert eines iPhones liegt im Unterschied zu einem anderen, billigeren Smartphone (wo denn…?), und bei Kunst ist es eben noch viel mehr persönliche Geschmackssache -- wer würde heute schon x Mio für eine Mona Lisa oder Nachtwache ausgeben wenn sie neu wäre? Und Spekulation (also als reine Wertanlage) setzt eben darauf, dass das Bild auch morgen noch den Geschmack von einem Käufer finden wird, der bereit ist, noch mehr dafür zu zahlen -- sonst geht’s wie bei der Internetblase… rien ne va plus

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  4. Max

    Es könnte auch ein 5 Meter breiter Fluss sein, habe ich immer gedacht.
    Das Foto wurde auch von der SPD für einen Wahlkampf in NRW verwendet. Es hing überall gross rum.
    Fotoassistent, EBV von Profis, Abzüge mit Rahmung bei Grieger in D’dorf.
    Und Abzüge gibt es mehr als einen von jedem Bild.
    Bleibt für Gursky nur noch die Kohle ausgeben.
    Der Typ selber ist mir suspekt.

  5. Nanker

    Ich danke an dieser Stelle mal wieder Oscar Wilde für diesem Satz:

    „Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis und von nichts den Wert kennt“

    Bei solchen Diskussionen wird mir, genau wie hier, unwohl.

  6. Peter

    Das Bild ist wirklich langweilig, gleichzeitig aber auch einzigartig. Noch nie wurde der Rhein so exakt geometrisch ausgerichtet fotografiert. Würde etwas nicht geometrisches im Bild einfluß nehmen wäre es vielleicht interessanter. Der Preis, ähm….

  7. Hans T

    Das eine ist das einzelne Bild -- also, das was jetzt hier gezeigt und entsprechend verkauft wurde. Das kann man, muss man aber nicht mögen.
    Das Andere ist das Gesamtwerk, bestehend aus vielen Fotografien, die einem übergeordnetem Thema folgen und immer in derselben Machart präsentiert werden. Konzeptkunst, da ist das einzelne Bild nur Teil des Kunstwerks.
    Und wer schonmal in einer Ausstellung von dem Kerl war, kann dem Gesamtwerk glaube ich nur schwer eine ziemliche imposante Wirkung absprechen.
    Ob man dafür 3Mio hinblättern soll/kann/darf/muss…jo mei, wer’s kann solls halt machen.

  8. Jedem, aber auch wirklich
    j-e-d-e-m dem ich das Foto gezeigt hatte meinte: was ist das denn für ein Scheißfoto ? Dafür so viel Kohle ? Das Foto ist belangloser Mist -- wo sind die Blümchen ?, etc. Ich find’s nur belanglos, weil man nicht direkt davor steht. Ich denke, dass es erst die Wirkung entfaltet, wenn man direkt vor dem riesigen Foto steht. Trotzdem spricht man nur deshalb darüber, weil es das teuerste Foto der Welt ist. Retuschiert bis der Arzt kommt -- Kunst ist und bleibt eben Geschmackssache. Übrigens soll es ein Spinner aus Rußland gekauft haben -- wer sonst !
    Ach ja -- mit euren ‚jämmerlichen‘ DSLR-Kameras braucht ihr euch keine Mühe geben das Foto nachzustellen. Da muss es schon eine Linhof sein.

  9. Jo

    @Michael

    … und dies zu sagen ist dein gutes Recht!
    Mich dagegen spricht dieses Werk an (egal ob es nun von Gursky oder von sonst wem wäre).
    Kunst erhebt ja aus sich heraus nicht den Anspruch zu gefallen, sie kann und darf aber. 😉

  10. Wenn das Foto nicht von Gursky wäre: Würdet Ihr dann auch von „Emotionen“, „Träumen“, „Sinn“ sprechen? Würdet Ihr es überhaupt anschauen?

    Ich finde es aussage- und belanglos. Punkt.

  11. Anton

    Ich halte das ganze für eine Wahnvorstellung im Hirn eines kranken Menschen. Nicht mehr und nicht weniger.
    Man könnte mit genau dem selben Erfolg „Eisbär im Schneesturm“ auf ein weisses Blatt Papier kritzeln. Wenn unser einer das macht, wird es als bescheuert und wertlos abgestempelt. Macht es Herr Gursky, wird genau das selbe Blatt plötzlich zur Kunst, und es findet sich ein Wahnsinniger der dafür 3 Mio Euro zahlt. Verkehrte Welt, ehrlich!

  12. Was bei dieser Diskussion immer wieder vergessen wird:
    Geld hat auch nur einen Wert, weil wir ihm einen geben. Und wenn jemand sehr sehr viel Geld hat, dann hat es für ihn auch keinen besonderen Wert mehr.

    Denn mal ehrlich, ob ich jetzt millionen kleiner bunter Zettelchen habe oder einen großen bunten zum an die Wand hängen, was macht das schon für einen Unterschied, wenn ich von den kleinen Zettelchen noch viel viel mehr habe?

  13. Danke für den (wieder mal) tollen Beitrag, Steffen.

    Meiner Meinung nach ist bei sowas immer der Kontext zu betrachten.
    Ich denke, es geht hier nicht nur um das vielleicht wenig spannend wirkende Bild „Rhein II“, sondern um das Gesamtwerk von Andreas Gursky.
    Betrachtet man sich, wie komplex viele seiner anderen Werke gestaltet und nachbearbeitet sind, versteht man die Auffassung einiger, Gursky sei ein enorm spannender und wichtiger zeitgenössischer Künstler, dessen Bilder ein attraktives Anlageobjekt sind.

  14. spukspecht

    Nein, einen Sinn braucht es nicht.
    Es zeigt etwas das da ist und aufgenommen wurde. Das reicht.
    Aber, im Gegensatz zu vielen Schnappschüssen, vermittelt es Emotionen beim betrachten. Oder zumindest mir, mindestens eine.
    Das reicht völlig aus.

  15. Andreas

    Und was hat es jetzt fuer eine Bedeutung?
    Oder was koennte es fuer eine Bedeutung haben?
    Was sagt der Kuenstler (wichtiges)?

    Irgendeine Idee jemand?

  16. Was mir an der teils sehr interessanten (größenteils auch nervigen) Diskussion um dieses Bild immer wieder auffällt, ist, dass immer die Rede von einem „Foto“ ist. Niemand geht in ein Museum mit dem Ziel, „Malereien“ anzuschauen. Nein, man schaut sich „Kunst“ an; Gemälde, Objekte oder eben Fotografien. Sie ist in diesem Zusammenhang nur die Technik, durch die sich der Künstler ausdrückt. Und wenn man sich dann wiederum anschaut, welche Preise andere Kunstwerke erzielen, erscheinen 3mil € für ein Gursky nicht mehr so überdimensioniert.
    Der Übergang zwischen Fotografie und Kunst ist fließend. Kunst ist, was der Künstler sagt. Egal, mit welcher Technik. Gute Kunst ist, wenn der Künstler etwas (wichtiges) sagt. Und das ist hier der Fall.

    Mein Senf.

  17. der wert eines kunstwerkes lässt sich eh nicht an objektiven kriterien festmachen, sondern immer nur am preis, der erzielt wurde. also sind die 3,1 mio. der absolute exakte und richtige wert für dieses foto, das übrigens auch mit seiner schlichtheit und und reduzierung stilprägend ist und war.
    und so ein schlichtes und dabei schönes foto habe ich von den ganzen hobbyfotografen aus den einschlägigen foren noch nicht gesehen. alle sagen immer, sie könnten das auch, aber machen tut es keiner. habe ich sogar über das durchaus komplexere „99cent“ gelesen.
    und ich finde, dass das foto sehr wohl in klein wirkt. aber das ist dann ja schon wieder meine subjektive wahrnehmung 😉

  18. Wie du schon richtig erwähntest, darf man den Anlagefaktor (den einzig relevanten Faktor bei diesem Preis) nicht vergessen. Hinzu kommt, dass es sich eventuell auch um Spekulation handelt, sollte der Sammler noch weitere Werke in seinem Besitz wissen.

  19. Guido

    Groß an der Wand mit viel Freiraum drumherum wirkt dieses Foto sicher völlig anders, als hier als 580-Pixel-JPEG in einem optisch unruhigen Umfeld. Trotzdem ist man zunächst geneigt zu sagen: Ein Allerweltsfoto das man problemlos bei einem kurzen Ausflug an Elbe, Rhein, Weser, etc. schießen kann.

    Für mich der mit Abstand beste Artikel der letzten Monate hier. Daniel: Vielen Dank für den Hinweis auf das sehr interessante Video.

  20. Das beeindruckendste Foto der letzten Zeit war für mich dieses hier KLICK. Die haben da auch richtig strenge Regeln (wegpixeln is nich). Na ja, Millionen kann man DAMIT natürlich nicht verdienen. Aber hat Preis jemals etwas mit Qualität zu tun? Ist ja schon gesagt worden, solange es irgend jemandem so viel Wert war, soll er es zahlen.

    Grüße! N.

  21. Ich habe eines der Rein Bilder auf einer Gursky Ausstellung in Essen gesehen, ist schon eine kleine Weile her. An den Rein habe ich mich aber immer wieder erinnert, das Bild, so schlicht es ist wirkt echt in seiner größe, wenn man an ihm vorbei geht und dann fast in das Bild kriechen kann, wenn man die ganzen Mini Details sehen kann.

    Recht hast du auf jeden Fall wenn du sagst das das Bild im Internet nicht wirkt und wahrscheinlich in der Flut der Bilder nicht wahrgenommen worden währe.

    manchmal ist die Größe echt wichtig ^^

  22. @Casey du scheinst den Beitrag nicht gelesen zu haben oder? Jemand der dafür 10 Mio. oder 5€ ausgibt ist unerheblich.

    Hätte ich genau an diesen Fleckchen Erde meine Traumfrau zum ersten mal gesehen wäre mir das Foto vielleicht auch 100 Mio € Wert.

    Das Ding ist doch: Das was du im Kopf hast, muss noch lange nicht der Aspekt des Käufers sein.

    Ich meine, dieses Bild lädt zum träumen ein. Wir (mich eingeschlossen) sind alle nur noch auf möglich viel Feedback scharf. Wir verrennen uns in Likes, +1 und Favs, man merkt eben nicht das man selbst immer beliebiger wird, da man das was man sieht und was anderen scheinbar gut gefällt oft nur noch kopiert. Die eigenen Ideen müssen im Kopf purzeln, ob die Idee nun versagt oder nicht, hauptsache es ist dein eigenes Machwerk.

  23. Steffen, als ich anfing deinen Artikel zu lesen dachte ich nur „oje, bitte kein ‚Kunst ist wertvoll, schaut hin blabla'“…

    Danke das es nicht soweit gekommen ist. Über das Foto gibt es die skurilsten Debatten, auf der einen sitzen die hartgesottenen Fotokameranutzer, in der Mitte links eine Gruppe an Kunstexperten, und ganz außen rechts und links die ganzen Zuschauer mit Popcorn (wir). Und Gruppe A,B unc C bewirft sich gegenseitig mit ProCon Argumenten. Verrückt! :)

    Ich kann mit Fotokunst nichts anfangen, immer wenn ich mich frage, mit welcher Intention der Fotograf ein Werk erstellt hat, höre ich von irgendeiner Person den Satz „Muss denn alles einen Sinn in der Kunst haben?“ -Ja, verdammt! Ein Foto/Bild ohne „Sinn“ ist ein leeres Blatt/Leinwand. Aber ich vermute, dass Gruppe B einen Diplomarbeit-starken Bericht über die völlige Leere schreiben kann. Und Gruppe A bringt wieder Stolpersteine ins Rennen… und schon sind wir wieder am Anfang.

    Fotokunst… heikles Thema. 😀

  24. Ging mir genauso, aber (!)… ich weiß nicht was es hat… jedenfalls hat dieses Foto etwas, was mich irgendwie komplett fesselt. Wahrscheinlich ist es der Minimalismus.
    … und wollen wir mal ehrlich sein, wenn man die Kohle auf dem Tisch liegen hat und es gefällt?!? Ist doch bei Jedem von uns nicht anders… im (viel) kleineren Rahmen natürlich. 😉

  25. Das ist mal Krass.

    Finde das Foto schon schön und man könnte es sich druchaus übers Sofa hängen..aber maximal für ein paar Hunderter.

    Wirklich interessante Morgenlektüre, danke :)

  26. XXL

    schön beschrieben -- endlich reiht sich mal jemand nicht in diese Hirnlose „was ist was wert“ Diskussion ein. in diesem Sinne:
    @Casey -- warum?

  27. Was macht eine Fotografie wertvoll? Es ist jedenfalls nicht die teuerste Kamera oder das teuerste Objektiv. Ich höre das erleichterte Seufzen aller „Hobbyfotografen“ dieser Welt. Von daher ist der Wert dieses Bildes gar nicht hoch genug einzuschätzen. Schade nur, um die vielen Forenadmins, die nun arbeitslos werden…

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