23
Feb
2010
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Du bist so gut, wie man Dich lässt

Der Alltag eines Gestalters ist manchmal das größtmögliche Gegenteil von dem, was Du Dir vorher dabei gedacht hast. Leider. Denn mitnichten haut man die geilen Sachen nur so raus und freut sich über seinen Output. Die Regel ist: „Du bist so gut, wie man Dich lässt!!“

Der Auftraggeber an sich ist kein Gestalter – darum bittet er  Dich als solcher um Unterstützung. Leider vergessen das die meisten Auftraggeber bereits nach kurzer Zeit und beginnen damit, aktiv „mitzugestalten„. Das wäre per se erstmal nicht schlimm, so lange man den Gestalter die Grundregeln einer guten Gestaltung einhalten lässt. Doch leider ist auch hier oft das Gegenteil der Fall. Und so sitzt Du wiedermal vor dem Andruck und siehst vor Dir den gedruckten 100sten Kompromiss, der nach Deiner Freigabe nun tausendfach durch die Druckmaschinen läuft. Und wieder macht sich der Frust breit und wieder schwörst Du Dir, beim nächsten Mal wirst Du Dich durchsetzen.

Ich habs versucht – glaubt mir! Ich hab um jedes Gestaltungselement gekämpft wie ein Löwe – mitunter auch mit einem völlig übertriebenen Aufwand/Nutzen-Verhältnis. Ich hab es sogar bis zum bitteren Abbruch der Zusammenarbeit getrieben. Aber das „Aha“-Erlebnis und der „Stolz“ blieb auch hier aus. Kollegen gaben mir den Rat, ich solle Abstand zu meiner Arbeit gewinnen -mir das ganze nicht so zu Herzen nehmen… „Wenn der Kunde es so will – laß ihn! – Ihm muß es gefallen“ – Du bist nicht Picasso – Du bist der Grafiker. Sorry – Das ist mir irgendwie zu einfach. Ich sitze bei jeder Gestaltung mit Leidenschaft und Herzblut, durchdenke jedes Gestaltungselement, versetze mich in den späteren Betrachter und spiele die „Erlebnis- und Betrachtungs-Dramaturgie“ durch…  dabei versuche ich unbedingt zeitlos zu gestalten…

Der Kunde jedoch hält Dir irgendeinen furchtbaren Flyer aus den Neunzigern unter die Nase den er schon seit 13 Jahren im Schreibtisch aufbewahrt. DAS war es, was er sich vorgestellt hat… Nur leider hat er davon im Briefing nichts erwähnt und Du überlegst – nachdem Du den Mund wieder zu bekommen hast – schnappatmig – wie Du ihm jetzt beibringst, daß die von ihm gewünschte Gestaltung Augenkrebs verursacht… Du möchtest am Liebsten auf der Stelle gehen, denn Du weist: Der Leidensweg bei diesem Kunden wird ein Großer. Ablehnen oder Annehmen?

Das Herz sagt: Ablehnen! Du fühlst Dich nicht gut dabei! Der Geldbeutel sagt: Annehmen! Irgendwie mußt Du über den Monat kommen…

Was meint Ihr?

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19 Responses

  1. Pingback : Meine besten Blogposts 2010 | Der Stilpirat

  2. Ein Thema was wohl jeden in dieser Branche auf kurz oder lang beschäftigen wird. Klar geht es hier in erster Linie um das Geld was man braucht. Von daher … machen – klar. Aber trotzdem ist es immer kritisch nur pur dem Grundsatz zu folgen „Wenn der Kunde es will, dann … machen wir es genau so.“, denn am Ende steht dein Name und deine Verantwortung für das Projekt drunter. Zudem ist Gestaltung mehr. Man sollte dem Kunden immer darauf hinweisen was er nicht unbedingt sieht. Das gehört einfach dazu. Die Dinge aus einer Wahrnehmung zu betrachten, die der Laie nicht sieht. Das ist ebenso teil des Jobs. Diese Überzeugungsarbeit gehört halt immer dazu. Zudem spielen beim Thema Gestaltung immer Emotionen mit. Die in den Griff zu bekommen ist nicht immer einfach. Leider ist es oft auch so, dass die kreativen Projekte nicht viel Zählbares bringen und die Jobs mit Magengeschwür am Ende einen sehenswerten Betrag bringen. Schade. 😉 Viel Erfolg und wenig von den Schmerzen!

  3. Katy

    Hm. Als Freier hat man die Entscheidung abzulehnen, als Angestellte eher nicht. Zwar passt der Arbeitsplatz grundsätzlich und es gibt Freiräume für die schönen Dinge, für coole Layouts und lässige Würfe. Oder für Spielereien am Rande.

    Aber es gibt auch solche Dinge bei denen man die Augen lieber schwer zukneift. Kaum ein gestalterisch ordentlicher Kompromiss möglich, weil 10 unterschiedlich farbene Logos in vorgegebenem Rahmen auf ein Blatt müssen. Nur BähBäh.

    Andererseits habe ich dafür geregelte Arbeitszeiten, geregeltes Einkommen, im Grunde angenehem Kollegen. Solange die Waage stimmt geht es für mich in Ordnung auch ab und zu Käse zu produzieren.

  4. Christiane

    Ich stimme da mit Chris überein: Man sollte als Gestalter dem Kunden gegenüber eine gewisse Haltung vorgeben, ihm aber auch erklären, warum man etwas so macht und nicht anders.
    Viele der Kunden trauen sich oft nicht, etwas Neues zu probieren und bleiben bei dem, was sich „bewährt“ hat.

    Trotz alledem finde ich aber auch, dass man sich nicht verkaufen sollte. Wenn selbst der gute Mittelweg nicht akzeptiert wird und man sich so unwohl fühlt wie Du hier schreibst, dann würde ich es ablehnen, vorausgesetzt man ruiniert sich nicht total damit.

    Andererseits denke ich, dass wenn man im Privatbereich genug zum „sich-kreativ-austoben“ hat, geht einem das nicht mehr so nah.

    Ich würde das je nach Auftrag entscheiden.

    1. Vielen Dank an Alle! Es waren durchaus einige Gedanken dabei, die ich bisher noch nicht in meine Überlegung einbezogen hatte. Da bei mir momentan der Geldbeutel entscheiden muß, werde ich annehmen… Es erleichtert mich allerdings auch ungemein, daß ich mit solcherlei Erfahrungen nicht allein da stehe.

  5. Torsten

    Oh ja, das Problem kenne ich. Man braucht dringend noch einen Auftrag um den Monat über die Runden zu kommen, und dann -- welch Gelegenheit! -- kommt eine Anfrage für einen Auftrag. Doch wenn man dann erfährt, was man machen soll, dann zweifelt man ob der Kunde überhaupt mal das Portfolio angeschaut hat oder einfach nur jemand beliebiges für den Auftrag sucht.

    Nur am Ende ist es nicht nur das Logo/die Grafik/whatever vom Kunden, sondern dahinter steht auch DEIN Name -- deinen Namen verbindet man dann auch mit dem Augenkrebs fördernden Design. Ob du es gut findest oder nicht.

    M.E. sucht sich ein Kunde gezielt einen Grafiker, dessen Arbeit ihm gefällt, weil er den Stil mag, und genau deswegen DICH aussucht (zumindest sollte es so sein). Wenn er nun etwas völlig verqueres von dir möchte, dann zeugt das von wenig Respekt des Kunden dir und deiner Arbeit gegenüber. Denn du bist niht etwa „Diener“ des Kunden, auch wenn viele das anscheinend falsch verstehen.

    Wenn es also irgendwie geldtechnisch zu verkraften ist, würde ich in Hinblick auf ein klares Portfolio den Auftrag ablehnen.

    Weiss nicht ob ich damit jetzt weiterhelfen konnte… 😉

  6. Guido

    Toller Artikel. Guter Kommentar von Nis. Danke. Und „Der Kunde ist König“ ist so ziemlich die einfältigste Phrase, die es gibt.

    Wer sowieso vermeintlich alles besser weiß, braucht einen externen Ja-Sager und keinen externen Berater. Man muss sich also nur entscheiden, ob man bezahlter Ja-Sager sein will oder nicht.

    Nervige, ignorante Kunden abzuschießen ist unglaublich befreiend…

  7. Ich meine, der Kunde ist König. Du bist „nur“ der Dienstleister. Allerdings einer mit Erfahrung, der auch andere Kunden und Aufträge überblickt im Gegensatz zum Kunden. Insofern solltest du ihn weiterhin dahingehend beraten, was der beste Output für ihn sein könnte.
    Nichtsdestotrotz hat er auch seine eigene Brille auf und kennt sein Produkt und seine Zielgruppe sehr gut. Wenn er es so will und kein bißchen auf dich hört, dann lass es so geschehen wie er es will.

    Eine gute Zielerreichungstaktik: Mache zuerst drei Vorschläge, einen ganz schlechten, einen der ok ist und der dritte muss super sein. Eben genau den Vorschlag, den du dir vorstellst (es muss natürlich auch passen). Da findet man sich dann schnell auf der gemeinsamen Linie.

  8. Auch auf die Gefahr hin ,dass das zu weichgespült klingt: Ich glaube man muss einen gesunden Mittelweg finden. Ich glaube Gestalter, die alles ablehnen, was nicht 100%ig ihrem eigenen Geschmack entspricht verenden vermutlich am Hungertuch nagend oder sind frustriert, weil sie nie auf einen grünen Zweig kommen.
    Gestalter, die alles mit sich machen und sich vollkommen verbiegen lassen laufen denke ich aber auch Gefahr. Und zwar, dass sie eines Tages total gefrustet sind, weil sie sich selber nie entfalten können und in ihrer eigenen Entwicklung vielleicht sogar auf der stelle treten.

    Ich habe einmal mit einem netten Gestalter gesprochen der meinte, sein Mittelweg sieht so aus, dass er versucht, Kundenaufträge, die seinem eigenen Geschmack stark widersprechen, die er aber aus finanziellen Gründen nicht ablehnen kann, dadurch auszugleichen, dass er sich ein schönes persönliches Projekt vornimmt, dass er sofern nebenbei Zeit ist, vorantreibt, um sich auch ein wenig auszutoben und zu belohnen.

    Einen anderen Weg sehe ich leider nicht.

  9. Da ich es gottlob nicht beruflich mache, kann ich es immer ablehnen, wenn ich gebeten werde, eine Webseite zu gestalten. Kein Geld, kein Zwang. Aber auch hier tut es mir auch immer weh, wenn die „Mitgestalter“ auf irrwitzige Ideen kommen (ich erstelle ab und an Webseiten für Freunde und Bekannte): „Ich hab mir vorgestellt, dass das Logo soooo in’s Bild geflogen kommt, und dann klickt man da drauf und so.“
    Das stellt oft auch die Freundschaft auf die Probe. Es ist nicht leicht zu sagen: „Dein Geschmack ist grauenvoll, halt Dich bitte da raus!“…
    Insofern: Du hast mein vollstes Mitgefühl!

  10. Bin klar für ablehnen. Ich bzw. wir haben auch immer wieder genau diesen Fall. Fakt ist du bist der Berater und du hast dein Fachwissen und vor allem auch deine persönliche Ansicht. Im Endeffekt wird es niemals glücklich machen so etwas anzunehmen. So etwas geht vielleicht, wenn echt übermäßig kapitale Entschädigung dabei herausspringt. Ansonsten ablehnen und sich und seiner Arbeit treu bleiben. Jemand wird dies zu schätzen wissen 🙂
    Und in der Zeit in der man sich mit dieser Beratungsresistenz rumschlägt kann man auch gut etwas besseres tun. Weil noch größer wird das Magengeschwür von dem Nils schon schreibt, wenn du feststellst, dass die wohlmöglich ein echt toller Job durch den Stressjob durch die Lappen gegangen ist. Für das „Es jedem Recht machen“ gibt es immer noch genug Dienstleister und Nachwuchsagenturen. So ist das halt.

  11. Im Grunde arbeitet man als Gestalter nie allein an einem Projekt, ganz klar muss der Kunde mitreden dürfen, seine Kenntnisse (denn er ist der Experte in seiner Branche und weiß wie dort der Hase läuft) einbringen. Ohne Input wäre Gestaltung schließlich Kunst, da sie dann nicht angewandt ist.
    Wenn der Kunde die Gestaltung in Frage stellt, dann muss man ihm das Konzept dahinter erklären und manchmal auch Gestaltungsregeln, denen man selbst schon unbewusst folgt, die aber der Leihe nicht versteht. Meistens hatte ich sogar sehr gelehrsame Kunden, die es beim nächten Projekt sogar wünschten, dass diese Regeln wieder befolgt würden. Oder anderen das Konzept des Projektes ganz klar wiedergeben konnten. Dann macht Arbeit Spaß!
    Leider gibt es aber auch totale Ignoranten, diese erkennt man aber auch daran, dass sie Flyer selbst „gestalten“ können oder mein Honorar in Frage stellen. Da hilft nur eins: Wegrennen!

  12. ABLEHNEN!!!
    Klar ist der Kunde auch König aber er bucht dich ja in der Regel auch als Berater, wenn Du Ihn in dem Fall aber nicht beraten kannst….
    Deine Lieben werden lieber Knäckebrot essen als dass sie Dir ein Magengeschwür wünschen.

    P.S: Schon komisch wie konsequent man mit Ratschlägen in Kommentaren ist während man sich mit Magengeschwüren rumschlägt.

  13. Manchmal ist es so, dass Fachfremde die Arbeit aus einem anderen Blickwinkel betrachten und damit die Arbeit bereichern. Manchmal ist es so, dass Fachfremde keine Ahnung haben und die Arbeit ruinieren.
    Du musst nicht nur gut in Deinem Fachgebiet sein, Du musst Deine Idee auch beim Kunden anbringen können. Deswegen brauchst Du zwei Ideen: eine für die Arbeit und eine für das Verständnis des Kunden. Das ist nicht immer einfach…

  14. Super Artikel. Doch leider hast du nicht immer die Gestaltungsfreiheit bzw. wirst in deiner Kreativität beschnitten. Manche haben auch kein Gespür für Design und Layout und manchmal ist es auch eine Machtfrage. Wenn du das Geld brauchst würde ich es machen wie es der Kunde verlangt. Dann bringe dein Spirit lieber in andere Projekte ein.

  15. Wie oft denkt man genau das… Und wie oft macht man dann genau das, was der Geldbeutel verlangt… 😉 Aber so ist das Leben…ich versuch mir am Ende in dem bisschen Freizeit ein paar Sachen für mich zu suchen, wo ich mich austoben kann…kreativ..einfach so…manchmal scheint mir das ein sibnnvoller Kompromiss zu sein..manchmal… 😉

  16. Da sprichst du was an, worüber ich schon lange nachgedacht habe. Was ist nun besser. Deinen eigenen Kopf durchsetzen oder den Kunden zufrieden zu machen? Wenn man 2. wählt muss man damit Leben nicht seine Ideale durchsetzen zu können. So war es bisher fast überall & solange Menschen mitreden die sich für wichtig halten, aber keine Ahnung von der Materie haben, auch bleiben. Klar das man dann Frust schiebt, aber deswegen such ich mir dann private Projekte in denen ich mich verwirklichen kann.

    Der Kunde ist König, der Kunde zahlt dir dein Essen. Trotzdem kann man ja manchmal einwirken muss man halt nur die überzeugenden Argumente haben und diese schafft man oft nur mit viel mehr „Mehrarbeit“.

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