6
Jan
2011
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Die Treue zu sich selbst

Wieso fällt es uns nur so unsagbar schwer den Menschen, den wir am längsten kennen,  am meisten lieben und dem wir bis ans Ende unserer Tage zutiefst verbunden sind, treu zu bleiben?  Ich meine den, der uns am Morgen im Spiegel anschaut. Sicher, „es anderen recht“ zu machen ist kein schlechter Charakterzug – doch führt es auf Dauer dazu, sich selbst aufzugeben und das „Leben der anderen“ zu führen.

Ich schaue mit meiner beginnenden Alterweisheit auf 20 Jahre Berufsleben zurück und kann die Dinge, die mich glücklich machten oder sich im Nachhinein als die richtigen Entscheidungen herausstellten auf ein verbindendes Element reduzieren: Es hatte immer damit zu tun, daß ich mir treu geblieben bin. Ich gehe sogar soweit zu sagen, daß die Dinge, bei denen ich mich nach anderen gerichtet habe, immer irgendwo zwischen „ging in die Hose“ und „Desaster“ lagen. Und wenn ich Treue und Untreue zu mir selbst in all der Zeit mal auf die Waage lege, dann überwiegt leider der Anteil, bei dem ich mir untreu war. ALLERDINGS – und das ist die gute Nachricht – nahm die Anzahl untreuer Entscheidungen mit fortschreitendem Alter rapide ab. Ich hab nach meinem BurnOut Anfang letzten Jahres sogar die verwegene Idee verfolgt, meinem Ego freien Lauf zu lassen und mir – ohne Rücksicht auf Verluste – ab sofort und ausschließlich treu zu bleiben: Ich nahm keinen Auftrag mehr an auf den ich keine Lust hatte, folgte keinen Konventionen und keiner Einladung zu Leuten die mir egal waren. Und ich schwor mir diesem Experiment – nämlich der Treue zu sich selbst – treu zu bleiben. Ich kann Euch sagen: Es war die schönste und erfolgreichste Zeit meines Lebens!

Allerdings – und das ist die schlechte Nachricht – man zahlt einen Preis dafür. Und dieser Preis ist der eigene Ruf. Man wird missverstanden, gilt mitunter als selbstsüchtig und eigentümlich und der Freundes- und Bekanntenkreis reduziert sich merklich-  mitunter verletzt man sogar jemand. Mir doch egal! Wirklich? Hm, eigentlich nicht… denn die Natur belohnt uns mit einem wohlig warmen Gefühl der Zufriedenheit, wenn wir beliebt sind und unseren kleinen alltäglichen Applaus bekommen.

Die Treue zu sich selbst ist ein Balance-Akt. Im privaten Bereich beginne ich durchaus Einschränkungen hinzunehmen. Beruflich jedoch merke ich, dass jeder gesammelter Treue-Punkt ein spürbarer Erfolg ist und zu einem, selbst nicht für möglich gehaltenen Ziel führt. Eine Erkenntnis die leider etwas spät kommt, doch zeigt, dass im Leben immer noch viel passieren kann.

Ich freu mich drauf wie es weitergeht!

Stilpirat by Stephan Spiegelberg

21 Responses

  1. Sehr interessanter Artikel, sehr spannende Kommentare… :-)

    Dass ich mir treu geblieben bin, hat mich wahrscheinklich mehr als nur einmal meinen Job gekostet und auch so einigen Leute in meinem Umfeld graue Haare verpasst…

    Aber: Ohne diese „Opfer“ hätte ich nicht diesen klasse Job und auch nicht diese (Traum-)Frau an meiner Seite!

    Meine Meinung: Nur Wer lernt, sich nicht nur zu hinterfragen, sondern hinter dem zu stehen was man als „Antwort“ darauf bekommt, kann seine Mitte finden und diese Stärke an andere weitergeben, die sie brauchen -- und die gebe ich gerne.

  2. Robert B.

    sehr gut zum lesen und nachdenken, wir sieht das bei- in mir aus?
    Vielleicht auch ein Grund, warum ich nicht mit der Fotografie mein Lebensunterhalt verdienen möchte.
    Ich möchte es machen wie ich will, und mir ist in erster Linie wichtig das die Fotos mir gefallen. Wenn andere dann sagen ist ein tolles Foto, OK ist schön und ein Bestätigung für mich, aber nicht so wichtig.
    Bleib Dir treu, soweit es möglich ist.

    LG
    Robert B.

  3. Danke für den Artikel und auch für die Kommentare. Bringen einen wieder mal über Dinge zum nachdenken über die man schon oft nachgedacht hat, diese aber im Alltag immer wieder mal aus den Augen verliert.

  4. Die Wahrheit liegt, wie bei so vielen Dingen im Leben, irgendwo dazwischen.
    Eine gesunde Portion Selbstbewußtsein und der daraus resultierenden Möglichkeit, sich für oder gegen Dinge zu entscheiden, auf die man (keine) Lust hat, hält gesund im Leben, glaube ich.

    Zufriedenheit mit sich ist ein unglaublich wichtiger Punkt, um nicht nur authentisch zu wirken, sondern es auch zu sein. Und das macht sich dann auch in Deiner Arbeit bemerkbar.

    Auf diesem Weg läßt man dann auch die Leichen an sich vorbeischwimmen, die nur mitgeschwommen und unwichtig waren.

    Aber rechts und links schauen und trotzdem auf die richtigen und wichtigen Leute um Dich herum achten, ist dann die Aufgabe, die man zu bewältigen hat..

    Long story short: Man kann sich treu sein und bleiben und trotzdem Herausforderungen annehmen..

  5. Christina

    In meinem erlernten Beruf versuche ich seit nunmehr 30 Jahren mich nicht zu verbiegen, mich gerade zu machen für Dinge und Menschen die mir wichtig sind. Einfach mir selbst treu zu bleiben. Dieser tägliche Kampf gegen die Gleichgültigkeit um mich herum kostet zwar sehr viel Kraft, führt mich aber auch zu meiner Mitte. Ich bin gerne ich -- auch wenns manchmal unbequem wird. Altersweisheit? Eher Lebenseinstellung.

  6. Was die Altersweisheit betrifft, bin ich Dir vielleicht ein Stück voraus :-)
    Aber Du hast das hervorragend formuliert und ich arbeite immer wieder Schritt für Schritt an mir und meinen eignen Zielen… dann geht das schon mit dem „Gradwandern“ und man kann auch mal noch korrigieren, manchmal merkt man erst etwas später was einem gut tut. Danke :-)

  7. @Paddy ich glaube -- und das war eigentlich meine Intension dieser Blogpost -- das dich in diesem Falle vor allem Konsequenz weiterbringt.
    Egal ob man fotografiert oder Autos repariert

  8. Ich finde die wichtigen Personen in unserem Leben (in meinem Fall zaehle ich diese fast an einer Hand ab), haben die Kompromissbereitschaft von meiner Seite auf jeden Fall verdient. Wobei ich sagen muss, dass dies nicht bedeutet alles stehen und liegen zu lassen, wenn jemand pfeifft. Aber ich glaube, alleine sind wir auch nichts.

  9. Das funktioniert so lange, wie Du Menschen findest, die Dich für das bezahlen wozu Du Lust hast. Du bist da in der sehr komfortablen Situation, dass Du mit Deiner Fotografie die Menschen erreichst.
    Grundsätzlich bin ich voll bei Dir sich selbst treu zu bleiben. Ich versuche das auch gerade und bin eigentlich ganz glücklich, aber manchmal muss man sich einfach anpassen.

  10. Danke für diese klaren Worte. Ich stehe da voll hinter Dir.

    Natürlich gibt es in der Familie ein paar „Pflichtveranstaltungen“ die im Grunde auch Spaß machen. Wenn mir aber vorgehalten wird, schon wieder nicht pünktlich zum Essen da zu sein, dann sage ich auch schon mal deutlich: „Leute, wir werden noch den ganzen Tag essen, da werdet Ihr die Suppe schon ohne mich schaffen“.

    Und wenn am Tag noch andere Verpflichtungen warten (z.B. sich um das Pferd zu kümmern), dann werde ich so eine Veranstaltung auch mal verlassen. Wenn die Gesellschaft dann meint, bereits um 15h mit dem Kuchen essen zu beginnen, dann werde ich eben nicht pünktlich zurück sein -- aber ich lasse nicht andere für mich entscheiden, ob das Pferd oder der Kuchen wichtiger ist -- Ich habe meine Entscheidung nämlich längst getroffen :)

    Das ist ist nicht immer ganz einfach aber in der Summe wirklich entspannter. Bleib Dir treu, behalte Ecken und Kanten, denn das ist es, was uns alle definiert.

  11. Ich habe über 20 Jahre als Pressefotograf gearbeitet. Davon fast 10 Jahre 7 Tage 24 Stunden. Trotz Familie. Jetzt bin ich in einer anderen Branche als Fotograf tätig und habe mehr Zeit für die Familie und für mich. Aber besser gefallen hat mir der Job als Pressefotograf. Der Stress, die vielen interessanten Leute, der Zeitdruck -- irgendwie fehlt mir das schon.
    Manchmal würde ich auch gerne eine Auszeit nehmen und fotografisch nur mal das machen, was ich will. Leider verdient man damit (am Anfang) kein Geld.
    Nach einiger Zeit der Ideenleere „flutscht“ es jetzt wieder und das eine oder andere Projekt wird dieses Jahr in Angriff genommen -- egal, was andere sagen.

  12. Es ist immer eine Gratwanderung seinen eigenen Weg zu gehen und es denen, die einem wichtig im Leben sind, recht zu machen. Es stimmt, dass der Bekannten- und Freudeskreis reduziert. Wird er nicht aber auf die Leute reduziert, die einen wirklich interessieren? Die uns so nehmen wie wir sind? Was das restliche Umfeld von mir so denkt ist mir eigentlich egal.
    Oscar Wilde hat schon gesagt: “Be yourself; everyone else is already taken.”

    1. @Bastian Schönes Zitat! (Wann kommt eigentlich „Quote FM“?). Ja, Du hast recht. Der Freundes- und Bekanntenkreis reduziert sich auf die Leute, an denen man echtes Interesse hat (und umgekehrt). Allerdings zeigt sich in deiner Kompromissbereitschaft, wie wichtig dir diese Leute sind

  13. Ich finde es einerseits interessant, andererseits erschreckend, dass nicht nur ich diese innerlichen Kämpfe mit mir kämpfe.

    Deine Worte treffen den Nagel auf den Kopf. Alles, was wir an erste Position im täglichen Leben stellen sollten, ist die eigene Treue.

    Vielen Dank…

  14. Sich nicht zu verbiegen, ist sehr wichtig. Da habe ich schon ähnliche Erfahrungen gemacht und diese auch von aussen bestätigt bekommen: Dinge zu tun, die vielleicht andere von mir wollen oder andere für richtig halten, „bekommt“ mir nicht. Es ist besser -- und sicher auch erfolgreicher -- wenn ich, wie Du sagst, mir treu bleibe und das tue, was ich für mich für richtig halte.

    Im beruflichen Bereich ist das sicher auch mein Schlüssel zum Erfolg und zu einem gesunden Leben. In privaten Dingen ist das natürlich etwas anders -- da kommt man nicht umhin, auch mal einen Kompromiss einzugehen …

    Dummerweise passiert es trotzdem immer mal wieder, dass eine Sache doch nicht das absolut „eigene Ding“ ist. Und dann wird es meist wieder ein „krummes Ding“ …

    Wie Du, freue ich mich selber auch darauf, wie es weitergeht!

  15. Da sprichst Du wahre Worte! Aber wie Du geschrieben hast, ist es nicht einfach, sich selbst treu zu bleiben und Entscheidungen zu treffen, die man selber für sich persönlich als gut empfindet.
    Wie gerne würde ich meinen Job an den Nagel hängen, eine Ausbildung als Fotograf und/oder Grafiker machen, weil ich der Meinung bin, das würde mir guttun und mich endlich aus dem rausholen, was mich derzeit krank macht. Aber wenn eine Familie dahintersteckt, für die man Verantwortung trägt, dann lebt man halt doch „für andere“ und trifft dann entsprechend seine Entscheidungen.
    Hihi, und das mit den täglich Applaus -- ja, das stimmt total. Deswegen machen wir den ganzen Internetkram doch, oder? 😉

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