11
Feb
2014
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Hebron und Yehuda Shaul

stilpirat-hebron-22Hebron ist eine der ältesten Städte der Welt. Bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. gegründet, wird die Stadt in der Bibel an zahlreichen Stellen erwähnt. Nachdem sie in ihrer langen Geschichte immer wieder eingenommen, besetzt und erobert wurde, kam es im Jahre 1929 zu einem furchtbaren Massaker, bei dem 67 Juden, durch Araber getötet wurden. Im Jahre 1980 attackierten extremistische Araber eine Gruppe von Juden, die gerade vom Freitagsgebet heimkehrten. 6 von ihnen starben, 16 weitere wurden verletzt. 1994 ermordete ein extremistischer Siedler mit einem Sturmgewehr 29 betende Muslime in der Abraham-Moschee, hunderte wurden verletzt. Hebron scheint nie zur Ruhe zu kommen. Zwei Jahre nach Ausbruch der Zweiten Intifada kam es in Hebron zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Palästinensern und israelischen Sicherheitskräften. Daraufhin wurden 2005 permanente Überwachungstürme in Hebron errichtet sowie Mauern, Zäune und mehr als 100 Straßensperren. Seitdem ist Hebron eine Geisterstadt. Durchzogen von Pufferzonen und Sperrgebieten gleicht die Stadt heute einer Mischung aus dem verlassenen Tschernobyl und Berlin vor 1989. Die etwa 800 jüdischen Siedler leben streng isoliert von etwa 160.000 Palästinensern. Die verlassenen Häuser und stillgelegten Plätze lassen nur schwach daran erinnern, dass hier mal Leben tobte und Handel getrieben wurde. Hebron ist ein auf engstem Raum, sichtbares Beispiel für die absurde Situation Israels und Palästinas und zeigt, wohin Hass und Angst, Menschen treiben.

Wir treffen Yehuda Shaul, einen orthodoxen Juden, der einen Teil seines Militärdienstes in Hebron absolvierte. Um seine eigenen Erlebnisse im Besatzungsdienst emotional zu verarbeiten und die israelische Öffentlichkeit über Aspekte des Besatzungsalltags aufzuklären, gründete er die Organisation Schovrim Schtika (hebräisch שוברים שתיקה, deutsch „das Schweigen brechen“, englisch: „Breaking the Silence„). Eindrücklich und sehr emotional, berichtet er uns von seinem Alltag als Soldat und davon, wie er mit seinen Kameraden, palästinensische Familien in der Nacht grundlos weckte, kleine Kinder mit vorgezogener Waffe erschreckte und in der Kälte auf der Strasse antreten ließ. Er berichtete von Übergriffen und davon, wie schwer es ihm nach Beendigung seines Wehrdienstes fiel, mit dieser Schuld zu leben. Seitdem sammelt er Aussagen und Dokumente israelischer Soldaten über ihren Besatzungsdienst und verarbeitet diese in Ausstellungen und Schriftstücken. Wenn man mit ihm durch die besetzten Gebiete läuft, wird er vor allem von palästinensischen Passanten mit sehr viel Herzlichkeit gegrüßt. Er scheint hier sehr beliebt und bekannt.stilpirat-hebron-1-2stilpirat-hebron-5stilpirat-hebron-12

Nun stehen wir hier mit ihm, mitten in der streng überwachten Pufferzone und lauschen seinen ungeheuren Berichten. Bewaffnete Soldaten begleiten uns auf Schritt und Tritt und Militärfahrzeuge patrouillieren im Minutentakt. Ich komme mir teilweise vor wie in einem Film. Yehuda zeigt uns die verschweißten Fenster und Türen und die vergitterten Balkons palästinensischer Häuser, hinter denen Familien leben und zeigt, dass einige gezwungen sind, ihr Haus über ein Loch im Dach zu verlassen, da die Haustür im Sperrgebiet liegt. Es ist gespenstisch still hier mitten in der Stadt. Die Situation hier wird von einem Moment auf den anderen umso unwirklicher, als plötzlich aus Dutzenden Lautsprechern aus Richtung der Palästinensergebiete das Rufen der Muezzins über unseren Köpfen ertönt. Wie das klingt, habe ich geistesgegenwärtig mit meinem iPhone aufgenommen:

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 Yehuda bringt uns zu einem der Grenz-Übergänge. Hier ist bereits ein deutliches Markttreiben von der anderen Seite zu hören. Wir passieren den Grenzposten ohne ihn und sind innerhalb einer Minute im anderen, lebendigen Teil der Stadt (oder das, was davon übrig ist). Das Leben hier drüben erinnert an jede andere, typisch-arabische Stadt. Kaum zu glauben, dass man hier noch so etwas wie „Alltag“ haben kann.

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Als wir uns am Abend von Yehuda verabschieden, haben wir gehörigen Respekt vor einem Mann, der eine Entscheidung für sein Leben traf. Eine, die den Mensch und das menschlich sein, über den eigenen Glauben stellt. Geächtet und geschmäht von der eigenen Seite und dennoch überzeugt, das Richtige zu tun. In dieser kurzen, 10-minütigen Reportage der ZDF Kultur-Redaktion über Yehuda Shaul, wird seine Arbeit in Hebron gezeigt: http://www.youtube.com/watch?v=SprKSDFNwNM

 

Ich habe seit meiner Rückkehr viel über Israel nachgedacht und ich bekam in den letzten Tagen eine ganze Reihe von Zuschriften. Eine Zuschrift brachte es besser auf den Punkt, als alles, was ich an wirren Gedanken hatte: „Du kommst ins Land, doch du wirst nie mehr ganz gehen! Ein Teil von Dir wird immer bei uns bleiben!“

 

 

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