14
Sep
2009
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Wehrt Euch!

mutHeute ist Montag der 14. September 2009. Die Selbstverständlichkeit hier in meinem Büro in der Nähe von Hamburg zu sitzen, lässt mich oft vergessen daß ich eben diese Tatsache nur dem Mut zu verdanken habe. Dem Mut sich zu wehren, dem Mut „Nein“ zu sagen – losgelöst von allen zu erwartenden Konsequenzen –  tausendfachem Mut!

Es ist nun 20 Jahre her, daß ich mich am Montag des 18. September 1989 um 14.03 Uhr in den Zug von Halle nach Leipzig setzte. Meine Beirette in der Tasche und das Herz in der Hose saß ich im Abteil, schaute aus dem Fenster und überlegte ziemlich genau was ich da gerade tat. Ich war gerade zarte 18 Jahre und hatte meine Ausbildung fast in der Tasche und war im Begriff mir vollen Herzens meine Zukunft zu versauen. Vorausgegangen waren zwei Worte die ich am Tag zuvor an einer Bushaltestelle las. Sie waren mit schwarzer Farbe ans Bushäuschen geschrieben und mühevoll mit weisser Farbe wieder übertüncht worden – man konnte es jedoch noch sehr gut lesen. Da stand: „Wehrt Euch!“  Ich dachte damals „… das ist also eure Antwort? … einfach mit Farbe drüber…“

Ich war ein Kind der DDR – hatte bis dato noch nicht wirklich viel erleiden müssen. Mir wurde alles schön portioniert und auf einem Tablett serviert. Trotzdem machte mich diese Art der Antwort wütend. Da verließen Menschen tausendfach ihr Land, gaben alles auf, liessen alles zurück: Erinnerungen, Familie, Haus – ihr komplettes bisheriges Leben. Da gingen Menschen für ihre Überzeugung jahrelang ins Gefängnis – ohne etwas Unrechtes getan zu haben. Und die Antwort darauf war „Farbe drüber“…

Ich zog am morgen Montag des 18. September durch meine Heimatstadt Halle an der Saale. Ich sah dort brennende Kerzen. Ich sah Menschen, die sich um Litfaßsäulen versammelten auf denen handgeschriebene Zettel geklebt waren  – mit Geschichten von Kompanien der NVA, die komplett Befehle verweigerten. Ich sah Mut. Viel Mut! Und das machte mich mutig!

Ich fand dort den Aufruf sich in Leipzig zu versammeln – an der Nikolaikirche, jeden Montag…  und so saß ich ein paar Stunden später im Zug, schaute aus dem Fenster und hatte keine Ahnung was mich erwartet. Wie viele Menschen dort sein würden. Was, wenn die Staatssicherheit alle Versammelten vorsichtshalber verhaftet. Meine Zukunft wär dahin…

Es waren zu Viele! Zu viele Mutige, die einfach nur vor der Nikolaikirche standen und zeigten, das das Maß voll ist.

Die Fotos, die ich an diesem 18. September mit meiner kleinen „Beirette“ gemacht habe, sind bei allen Wirren der letzten 2 Jahrzehnte in meinem Leben immer bei mir geblieben und das werden sie hoffentlich auch noch bis zu meinem Lebensende. Sie erinnern mich immer wieder daran, daß vieles im Leben nicht selbstverständlich ist und das Mut zum Leben gehört, Mut „Nein“ zu sagen – losgelöst von allen zu erwartenden Konsequenzen.

5 Responses

  1. Ein toller Artikel. ich war zu diesem Zeitpunkt noch nichteinmal geboren… daher weiß ich wenig über diese Zeit aber dein Artikel, hat mir gleich ein neue sichtweise gegeben.

  2. Antje

    Ein sehr emotionaler Artikel. Ich bekomme heut noch Gänsehaut, wenn ich an die Zeit vor 20 Jahren denke -- denn ich war dabei in Leipzig und es hat sich gelohnt, den Mut zu haben!

  3. Ein toller Artikel -- sehr persönlich formuliert und regt sehr zum Handeln an, denn es gibt auch heute Dinge gleicher Wichtigkeit für die man persönlich einstehen kann. Viele Grüße in den Norden, Malte

  4. WOW. Toller Artikel, hat richtig Gänsehaut gemacht beim lesen. Danke fürs Teilen dieser Erinnerung. Das alles ist für mich (damals 7 Jahre und keinen Kontakt zur DDR) sehr fremd, und unglaublich spannend.

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