22
Aug
2013
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Sixto Rodriguez und die Suche nach „Sugar Man“

sixto-rodiguez

Oh Mann, wo soll ich anfangen? Es ist schon einige Wochen her, als mir Spotify die Platte „Coming from Reality“ von Rodriguez* empfahl. Ich klickte damals neugierig drauf, weil ich dachte, es wäre eine Neuerscheinung und der Typ auf dem Cover augenscheinlich ohne Star-Attitüde auskam und alles irgendwie komplett „Retro“ aussah. Ich mag ja sowas. Noch bevor ich das Album wirklich zu Ende gehört hatte, war es schon in meinem Amazon-Warenkorb. Wow! Der Typ klingt wie Bob Dylan in seinen besten Zeiten. Nur besser, anders, grooviger – mit einer gehörigen Portion Poesie in den Texten. Jeder Song ein Gedicht, ein „Werk“, eine „Hommage an Musik“. Verdammte Hacke, dachte ich, wer produziert denn heute noch so ein Album? Welche Plattenfirma, packt denn so ein Talent optisch als Anti-Künstler auf´s Cover und bezahlt aufwendige Streicher-Arrangements und setzt dieses unfassbar geilen Retro-Sound auf die Stimme?

sixto3„Coming from Reality“ lief bei mir im Büro und im Auto in der höchsten Rotationsstufe „ever“. Die Platte inspirierte mich zu Fotos und ich kenne 3 Leute, die sich das Album noch beim Hören im Auto bestellten. Auch mein werter Assistent und Vasall Kai drückte auf´s Knöpfchen, wenngleich ich ihn – ob fehlenden Budget´s – angeboten hatte, die Platte auszuleihen. Nein er wollte sie besitzen. Am nächsten Morgen – wir saßen beim Frühstück – sagte Kai nur ganz trocken: „Hey Alter, „Coming from reality“ ist von 1972! Nix Retro! Alles echt!“ >> Watt?<< Ein Blick ins Cover – stimmt! Ich gebe zu – ich war etwas verwirrt. Wieso zum Henker hatte ich noch nie was von ihm gehört? Ich bin der Typ, der Musik früher gefressen hat! Ich sammelte alte PhillySound-Platten, kannte jeden noch so unbekannten Sänger – jede Band, die irgendwie von Belang war. Von „Rodriguez“ hatte ich noch nie was gehört…

Heute weiß ich: Ich bin nicht allein. Denn Rodriguez´ „Coming from Reality“* wurde bei ihrem Erscheinen – damals in den Siebzigern – nur etwa 6 mal verkauft. Keine Sau interessierte sich für Rodriguez. Offenbar lief damals für ihm irgendwie alles schief. Seine Plattenfirma ging nach der Veröffentlichung Pleite und Rodriguez ging wieder auf dem Bau schuften – in Detroit. Fast wäre dieses unglaubliche Stück Musik in der Versenkung verschwunden und niemand hätte weiter Notiz davon genommen, wenn nicht irgendjemand in den Siebziger-Jahren sein erstes Album Cold Fact“ in der Reisetasche nach Südafrika hatte und es wiederum irgendjemand in die Hand gab, der es im Radio spielte. Hinter den Vorhängen des Botha-Regimes erreichte diese Platte damals „Kultstatus“ und wurde dort zur Hymne der Anti-Apartheidbewegung. Rodriguez war ein Star in Südafrika – bekannter als die Rolling Stones, gefeierter als Bob Dylan. Warum erzähle ich Euch das? Weil die Geschichte so unglaublich ist, dass sie sich kein Hollywood-Drehbuchschreiber so hätte ausdenken können. Während diese Platte  in Südafrika hoch und runter gespielt wurde und sich verkaufte wie geschnitten Brot, schuftete Rodriguez parallel weiter in Detroit auf dem Bau und bekam von all dem nichts mit. Niemand erzählte es ihm! Seine Tantiemen versandeten irgendwo zwischen Afrika und Amerika und er ging weiter schuften und hatte keine Ahnung, was da am anderen Ende der Welt los war. In Südafrika rankten sich Mythen und Geschichten um seinen Tod – er hätte sich irgendwann auf der Bühne angezündet, hieß es. Alle gingen davon aus, dass er nicht mehr lebte und er wurde verehrt wie kein anderer. Erst als sich ein Musikjournalist in den Neunzigern auf die Suche nach der Wahrheit über seinen Tod machte, kam Licht ins Dunkel. Was er am Ende entdeckte ist weit mehr, als er sich je erhofft hatte.

searching-for-sugar-man-poster-qatarisbooming-com_Ich saß gestern Abend mit offenem Mund auf der Couch und sah mir den Dokumentarfilm „Searching for Sugar Man“* an, der diese unglaubliche Geschichte aufarbeitet. Ich wischte mir nicht nur einmal ein Tränchen von der Wange. Wow! Schaut euch diesen Film an! Er hat es wirklich in sich.

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Soundtrack: