2
Jun
2015
26

My Grand Tour of Switzerland (2)

Seit einer Woche bin ich nun schon unterwegs auf der „Grand Tour of Switzerland“ und ich breche jeden Tag eine neue Lanze. Ja, ich korrigiere meine Sicht auf dieses kleine Völkchen jeden Tag auf´s Neue und schwöre an dieser Stelle, in meinem Leben nie wieder einen Witz über den angeborenen Rachenkatarrh oder der Geschwindigkeit der Physis der Schweizer zu machen. „Verflucht und zugenäht“ – ich hatte keine Erwartungen – ich meine – man kennt die Schweiz ja so aus Bildern… Und im Norden der Schweiz war ich ja nun auch schon mehr als dreimal unterwegs… aber das hier…

Cut.

Ich sitze in meinem kleinen Cabrio auf dem Weg zum Lago Maggiore und lasse mir vom Wind meine Haare frisieren. Es ist sonniges Wetter und die Strasse gehört mir ganz allein. In dem Moment, wo ich die erste Palme am Wegesrand entdecke, tönt ein mir bekanntes Intro aus dem Radio… Yeah, das habe ich ja schon ewig nicht mehr gehört, aber der Text sitzt immer noch… und ich singe lautstark und unisono mit Adriano Celentano: „Soooooliiiii –  la pelle come un vestito…“ Wo ist der Knopf, der die Zeit anhält? Ich bin im perfekten Moment…

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Ich parke irgendwo in der Nähe des See´s und laufe die Promenade entlang. Ist es mein Übermut, das schöne Wetter oder beides: Ich lasse mich hinreißen von diesem wundervollen Ambiente. Wie hübsch ist denn bitte Locarno? Und Ascona erst? Mit der Eistüte in der Hand pfeife ich noch immer „Soooollliiiii“ und geniesse die Stadt…  Von Hamburg aus könnte ich innerhalb kürzester Zeit hier sein… warum zum Henker habe ich das noch nie gemacht? Ich notiere Ascona als Nr.1 Destination für ein Überraschungswochende zu zweit und beschließe, dass mir Kohle, die einem hier unweigerlich durch die Fingern rinnt, egal sein wird. Wie sagte mein BWL-Lehrer immer: Geld muss zirkulieren! Nichts ist langweiliger als sparen. Und überhaupt: Das Geld ist ja nicht weg – es hat nur jemand anders! Ja verflucht, das Leben ist ein wildes Ross und ich sitze im Moment auf einem putzigen Pony.stilpirat_grand_tour_of_switzerland-2 stilpirat_grand_tour_of_switzerland-3 stilpirat_grand_tour_of_switzerland-4

Mein Weg führt mich am nächsten Tag weiter nach Andermatt und dann über den alten Gotthardpass weiter zum Aletsch Gletscher. Der Furkapass war noch geschlossen und ich musste mit einem dubiosen Zug namens „Autoverlad“ durch den Berg fahren…

Danach wird die Strecke zu einem Schweizer Freilichtmuseum. Kleine süße Dörfer mit uralten Holzhäusern und Jesuskreuzen am Wegesrand. Gelb-blühender Löwenzahn soweit das Auge reicht… ich könnte permanent anhalten und fotografieren. In einem kleinen Ort mit dem wundervollen Namen Geschinen parke ich dann aber doch die Karre und spaziere durch´s Dörfchen. Ich komme mir vor wie „Trueman“ in der Schweizer Ausgabe… Die Kirchturmglocke läutet und ein Alphornbläser spielt irgendwo im „off“. Irgendwer will mich doch hier verarschen? Das ist doch nicht echt? Welches Drehbuch wird denn hier gerade verfilmt? Aber niemand ruft „cut“ aus dem „off“ und ich schüttele ungläubig den Kopf.

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Ich muss mich sputen: Ich bin verabredet mit Kilian Volken – einem Bergführer aus Fiesch. Er hätte ne Menge zu berichten, sagte man mir. Mit dem Bergsteigen habe ich es ja nicht so, deshalb fahren wir mit der Seilbahn hoch zum Eggishorn. Er wäre gerade aus Nepal zurück, wo er den K2 besteigen wollte. Das Erdbeben jedoch durchkreuzte seine Pläne. Es wäre ihm wichtig gewesen, den K2 zu besteigen. Er müsse da noch was verarbeiten. „Was denn?“ frage ich… Kilian holt tief Luft und erzählt mir seine beeindruckende Geschichte. In dritter Generation sei er nun schon Bergführer und hat alle relevanten Berge der Welt bestiegen – auch den Everest. Vor drei Jahren sei es passiert: Ein Lawinenunglück in Chamonix. Er hat als einziger von zehn Leuten überlebt und versteht immer noch nicht wie und warum. Die Nepal-Tour war ihm wichtig, um „wieder rein zu kommen“… Die vergangenen zwei Jahre hat er gebraucht, um über die Lawine hinweg zu kommen. Man merkt ihm an, dass es ihm nicht leicht fällt, über das Erlebte zu berichten und auch ich habe einen riesigen Kloß im Hals. Ich lausche so gespannt, dass ich nicht bemerke, dass wir längst oben angekommen sind und die Seilbahn verlassen haben. Ich stehe mittlerweile mit meinen Beinen bis zu den Knien im Schnee. „Ein paar ordentliche Schuhe hättest du dir schon anziehen können.“, meint er… Durch den Stop in Geschinen war ich etwas spät und hatte vergessen meine Wanderschuhe anzuziehen. Nun stehe ich hier oben auf dem Berg mit meinen zauberhaften Turnschühchen und der Schnee verteilt sich bis zur Sohle. Doch irgendwie ist mir das gerade alles egal. Ich stehe vor einem wirklich beeindruckenden Menschen und lausche seinen Erzählungen. Die Gletscherspalten wären das Gefährlichste hier oben. Es gibt immer wieder Unfälle. Vor allem zu dieser Jahreszeit, in der der Schnee die Gletscherspalten verdecke. „Es ist ein Scheiss-Tod, da reinzufallen…ohne Seil. Kein Chance, da wieder rauszukommen… Der Tod zieht sich da unten. So eine Spalte kann hundert Meter tief sein…Das letzte, was du in deinem Leben siehst, ist Eis, Schnee und Kälte…“  

Er sei zurück an den Unglücksort nach Chamonix gefahren und habe neun Kerzen an der Unglücksstelle angezündet. Für die anderen, die nicht überlebt haben… Zwei davon waren in seiner Verantwortung. Sie hingen tot am Seil, als er wieder zu sich kam…

Wir stehen beide hier oben  und schauen auf den Gletscher. Ich weiß nicht mal mehr, ob ich irgendwas fotografiert habe und schaue in der Kamera nach. Wolken ziehen auf und wir setzen uns auf eine Bank. Mit meinen Scheiß-Turnschuhen kommen wir sowieso nicht weit. Da sitzen wir zwei auf dem Berg in einer Wolke und reden über das Leben und den Tod. „Das Leben meint es gut mit mir, hab Glück gehabt.…“  meinte er. Die Sicht ist mittlerweile gleich Null und irgendwie überkommt mich das Gefühl, dass ich nicht der Einzige bin, der ihm gerade zuhört…

Ich bin nachdenklich geworden heute und es tut mir gut. In einem kleinen Ort namens „Binn“ setze ich mich mitten im Fluss auf einen großen Stein und starre eine ganze Weile auf den Berg…

„Veränderte Distanz von der Heimat verändert das innere Mass“. Stefan Zweig (1881 – 1942)

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Kilians Geschichte wurde in einem Dokumentarfilm festgehalten: http://www.srf.ch/sendungen/dok/drama-am-verfluchten-berg-wie-kilian-volken-die-lawine-ueberlebte  – Er bietet zwei mal pro Woche Wandertouren an. Solltet ihr irgendwann einmal hier unten in der Nähe des Aletsch Gletschers sein, geht mit ihm wandern! Alleine der Geschichten wegen…
Ich wünsche dir Kilian von ganzem Herzen ein sehr langes und erfülltes Leben.

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