28
Jan
2014
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Meine Lieblingskamera

Ich könnte ja sagen, ich habe es in den letzten Jahren kommen sehen. Wenn mich meine Verwandtschaft fragte, welche Kompaktknipse ich ihnen empfehlen könne, war meine Antwort eindeutig: „Keine! Fotografiere mit dem Smartphone! Das hast du immer dabei, die Bildqualität ist völlig ok und anschauen kannst du dir die Bilder hinterher auch immer, weil: du hast das Ding ja immer dabei. Und außerdem: Du kriegst Unmengen von Apps, die auf deine Foto-Vorlieben zugeschnitten sind und die du nach deinem Gusto installierst oder wieder entfernen kannst. Nicht zu unterschätzen: Du kannst die Fotos sofort mit allen Freunden oder der Familie teilen. Kompaktkameras können das nicht!“. Samsung schickte mir dann die Galaxy NX, um mich eines besseren zu belehren. Die Kamera konnte alles, was ein Smartphone kann – prima! Allerdings: Wozu brauche ich sie dann? Das bisschen Schärfentiefe, was ich aus dem Pups-Sensor herauskitzeln kann, ist nicht der Rede wert, mir weitere 1.500,-€ aus der Tasche zu ziehen und die Jacke mit einem weiteren Gadget auszubeulen.

Ich gebe zu: Fuji und Olympus geben in letzter Zeit ordentlich Gas. Aber soll ich euch was sagen? Jeder Fotograf in meinem Umfeld hat seine stolz angeschaffte X100, X-Pro oder was auch immer wieder verkauft. Aus Gründen. Und auch wenn es genug Kollegen gibt, die die schöne neue Welt der spiegellosen Kameras anpreisen – damit einen „Job abliefern“ tut keiner. Die „Welt geht sogar soweit, zu prophezeien: „Nur 3 Hersteller werden den Kamerakrieg überleben“. Das ist sicherlich eine provokante These, doch sehr weit hergeholt finde ich sie nicht. Hätte ich euch vor 10 Jahren prophezeit, dass Kodak sterben wird, hättet ihr mich gesteinigt. 

Ich habe selbst noch nie im Marketing- oder im Strategie-Büro eines Kameraherstellers gesessen und kann nicht einschätzen, welche Hebel man dort gerade in Stellung bringt. Und natürlich habe ich nicht alle Informationen, die dort zu den Entscheidungen der letzten Jahre geführt haben. Was ich kann, ist mir die Frage zu stellen, welche Kamera mich in den letzten Jahren restlos überzeugt hat. Hm, um ehrlich zu sein, waren sie entweder zu schwer, zu leicht, zu klein, zu teuer, zu unflexibel oder lagen scheisse in der Hand. Und dann stelle ich mir die Frage: „Hey, sind wir nicht vor 50 Jahren auf den Mond geflogen?“ Was ist so schwer daran, irgendwas zu bauen, was mich in jeder Hinsicht überzeugt? Vielleicht bin ich auch zu kritisch!? Die perfekte Kamera? Herrgott was kann so schwer daran sein? Das Problem ist, das „perfekt“ jeder für sich anders definiert. Während sich immer mehr Fotografen in spiegellose Kameras mit kleinem Sensor verlieben, kriegst du mich nicht davon überzeugt. Meine perfekte Kamera sähe so aus: 

  • Kameraklasse: Spiegelreflex. Ich bin nach wie vor Spiegelreflex-Fan. Die Elektronischen Sucher der EVIL´s ist nix, was mich glücklich macht. Die Größe der Nikon DF wäre für „immerdabei“ geil!
  • Gewicht: leicht! weil nur die Kamera, die ich auch mitnehmen will, ist eine Gute!
  • Sensor: Vollformat! Lasst mich in Ruhe mit eurem Crop-Zeug. Ich kann damit nichts anfangen! Der D4 Sensor wäre geil. 18 MP würden mir reichen.
  • Fokus: zügig und auf den Punkt – so wie bei der D3s oder D4 – gern auch mit manueller Option (Schnittbildscheibe)
  • Kartenslot: 2 Stück! Ich kann ohne Backup nicht ruhig schlafen.
  • Belichtungszeit: 1/8000. Ich will in der Sonne auch mit offener Blende fotografieren 
  • ISO: Nutzbar bis 8.000 ISO würde reichen
  • GPS: Ja bitte! Was kann daran so schwer sein?
  • Bajonett: Wechselbajonett 
  • Videofunktion: Türlich!
  • WLAN: Ja, gern!
  • Bildverarbeitung: Intern. Lasst mich doch endlich mal ordentlich an die RAW Verarbeitung in der Kamera ran! Ich will mir 2-3 Presets ablegen können. Aber bitte nicht nur Helligkeit, Schärfe und Kontrast…  Ich würde die Bilder gern gleich fertig aus dem Ding holen. Geil wäre, wenn ich mir die Presets in einem externen Programm auf dem Rechner konfiguriere und dann auf die Kamera übertrage. C´mon!? Das sollte doch gehen!
  • Und wenn wir gerade dabei sind: 3-4 kleine Festbrennweiten dazu. So was kleines wie die Voigtländer. Das 40mm Ultron ist das perfekte Pancake! Auch das 20mm Skopar überzeugt bei Abbildungsleistung und Gewicht. Allerdings gern bitte mit AF.

Und? Merkt ihr was? Wahrscheinlich werden wenigstens die Hälfte von Euch anderer Meinung sein. Nikon fährt im Moment für mich eine ziemlich überzeugende Strategie mehr in die Nische zu produzieren. Die D800 ist genauwenig ein „Allrounder“ wie die D4 oder die DF. Sie sind für spezielle Einsatzszenarios konstruiert. Ich habe einen (!) Objektivpark, für den ich mehrere Kameras nutzen kann. Und das seit sehr langer Zeit. Ich kriege sogar die steinalten Gläser aus den siebziger Jahren auf die DF.  Außerdem sieht Nikon die Zukunft in Vollformat-Sensoren – so  jedenfalls die Ansage. Ich denke, das ist ein guter Weg, sich von der durchaus überzeugenden Bildqualität der neuen Smartphon-Generation abzusetzen. Wenn ich mal rüber zu Leica schaue, dann sehe ich eine der überzeugendsten Markenstrategien, die mit „der Nische“ prächtig verdient. Auch  Canon konstruiert zunehmend überzeugende Kameras 🙂 aber mir fehlt bei Canon sowohl ein überzeugender D800 -Pendant als auch ein kleiner „immerdabei-Df-Pendant“. Dafür kann Canon Video und Nikon wird diesen Vorsprung so schnell nicht einholen. Ich würde sicherlich nicht soweit gehen, dass wir uns in einem „Kamerakrieg“ befinden, doch auf einen Punkt können wir uns aber sicher einigen: Es ist momentan der denkbar schlechteste Moment, sich auf seiner Marke auszuruhen.

Update:  
Via Capture NX und dem darin enthaltenen Tool Picture Control Utility ist es möglich,  seine eigene RAW Verarbeitung zu nutzen. Hier ein Tutorial: http://www.youtube.com/watch?v=y2cw1FTfmN0 
Dank an Frank Hirschhausen für den Tipp!