25
Okt
2017
6

Herr Weber

Josh meinte neulich am Telefon, ich solle wieder mehr Geschichten schreiben und ein wenig mehr zu meinen Fotos erzählen. Der Blog hier lebte einst davon, dass man nicht nur Fotos sah… Zugegebenermaßen ließ ich die Geschichten immer mehr schleifen. Allerdings nicht deshalb, weil nichts passierte, sondern weil einfach zu viel passierte. Nachdem ich hier im Blog in den vergangenen Jahren so viele Artikel mit Texten veröffentlichte, kamen immer mehr Agenturen und Magazine auf die wilde Idee, mich genau dafür zu buchen. Und was hier irgendwann mal mit einer wundervollen, Leichtigkeit startete, wurde zum Job. Und ja, ich liebe es nach wie vor, genau das zu tun: Fotografieren und schreiben. Allerdings passt der Großteil des Contents nicht immer hier rein – zwischen selbstreflektierende Gedanken, Porträts, Nude-, Reise-Content und Interviews…

Und so sah es eine Zeit lang von außen betrachtet so aus, als würde ich mich immer mehr zurückziehen. Im Grunde fotografierte und schrieb ich in den letzten Jahren jedoch mehrere Dutzend Artikel über alles mögliche: Geschichte, Kunst, Forschungsprojekte, Uni-Leben, Technik… vieles davon findet sich auf den Portalen von Kultur-in-Hessen und Hessen-schafft-Wissen

Es gab darunter wirklich spannende Interviews und Geschichten, die mich nachhaltig beeindruckten und mir einen größeren Reflexions-Radius gaben. So zum Beispiel das Gespräch mit dem Direktor der Schlösserverwaltung des Landes Hessens:

Es war vor etwa knapp einem Jahr, als ich mich auf den Weg nach Bad Homburg machte, um den Leiter von immerhin 48 Schlössern und Liegenschaften des Landes Hessens zu treffen. Karl Weber konnte bereits auf eine lange und bewegte Karriere zurückblicken und wir unterhielten uns in seinem, mit roter Seide gehüllten Büro. Dieses Büro war eine Notlösung, da sich die Räumlichkeiten der Verwaltung gerade im Umbau befanden und er zierte sich sehr, dort Aufnahmen von sich anfertigen zu lassen: „Ich bin doch kein Schlossherr! Ich habe eine auf Zeit übertragene Aufgabe des Landes Hessen – zugegeben nicht die schlechteste –, aber ich bin kein Teil einer Dynastie. In diesen Geruch will ich gar nicht erst kommen.“ 

Mit einer geballten Portion Charme schaffte ich es dann doch ihn zu überreden, hier ein paar Fotos mit ihm zu machen, wohl auch, weil sich unser zuvor geführtes Gespräch auf vielen Ebenen abseits seiner eigentlichen Aufgabe bewegte. Ich mochte seine unprätentiöse Art und die Gelassenheit, die er ausstrahlte und genau so wollte ich ihn einfangen.

 

karl_weber_schloss_bad_homburg-001 karl_weber_schloss_bad_homburg-004 karl_weber_schloss_bad_homburg-005

Nachdem wir die Aufnahmen in seinem Büro gemacht hatten, nahm er mich mit in die Hölderlin Bibliothek, die sich ein paar Türen weiter befand. Wir unterhielten und darüber, wie das Leben manchmal die verrücktesten Wege geht. Ursprünglich wollte er Theaterwissenschaften studieren und infizierte sich dann – wie er es selbst formulierte – mit einem Kulturvirus, den er nie wieder los wurde. Dass er nun mit seinem Büro notgedrungen in der letzten kaiserlichen Wohnung sitzt, hätte er sich auch mal nie vorstellen können. Ein Teil der Wohnung befand sich im letzten Jahr noch im Umbau. Wir durchstreiften viele Räume mit Papier umwickelten Kronleuchtern, vorbei am kaiserlichen Klo, der Badewanne, dem Schlafzimmer… und immer wieder blieben wir stehen fotografierten und unterhielten uns.

 

karl_weber_schloss_bad_homburg-010 karl_weber_schloss_bad_homburg-011 karl_weber_schloss_bad_homburg-013 karl_weber_schloss_bad_homburg-020 karl_weber_schloss_bad_homburg-021 karl_weber_schloss_bad_homburg-022 karl_weber_schloss_bad_homburg-026 karl_weber_schloss_bad_homburg-030 karl_weber_schloss_bad_homburg-031 karl_weber_schloss_bad_homburg-040 karl_weber_schloss_bad_homburg-041 karl_weber_schloss_bad_homburg-043 karl_weber_schloss_bad_homburg-047 karl_weber_schloss_bad_homburg-050

Karl Weber wird seine Laufbahn wohl in den nächsten Monaten beenden und in Pension gehen. Und er hat eine Menge Pläne für die Zeit danach. Sich auf´s Altenteil zurück zu ziehen, wäre ihm ein Graus, sagte er mir. Eine Sache habe ich mir aus unserem Gespräch mitgenommen: Sein Lebenslauf war nicht wirklich geradlinig. Ein weiter Blick, ein flexibler Geist und eine freundliche Gelassenheit half ihm durch die Jahre. „Museen leben nicht davon, die Asche der Vergangenheit weiterzureichen…wir müssen Neugier schüren.“ sagte er mir zum Abschied.

Alles Gute Herr Weber, es hat mich sehr gefreut, Sie kennen zu lernen.

Licht: Dedolight (Bi, 2.1)
Kamera: Pentax 645z

You may also like

Wer 10 Jahre Dudelsack spielt, hat sich davon 7 Jahre eingestimmt.
The Isle of Skye

9 Responses

  1. Die Aufnahmen lassen die Atmosphäre in dem alten „Büro-Schloss“ gut erahnen. Herr Weber ist in den dunklen Räumen stilvoll getroffen. Besonders beeindruckt hat mich die punktuelle (?) Lichtsetzung. Vielleicht schreibst Du dazu gelegentlich mal etwas? Klasse ist auch wieder das Zusammenspiel von Bild und Text. Danke!

Leave a Reply