12
Sep
2011
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Kann man fotografieren lernen? (2)

Ich hatte ja vor einiger Zeit mal die Frage in den Raum gestellt: „Kann man Fotografie lernen?“. Ich bezweifelte dies damals, muss nun allerdings – nach einiger Zeit – einlenken und will das Gegenteil behaupten. Das vergangene Jahr war für meine fotografische Entwicklung ein riesengroßer Hopser. Ich hab fotografiert, dass der Vorhang glühte und in der Rückbetrachtung viel zu viele Hochzeiten angenommen (nennt mich einen Gierhals – ich wollte es eigentlich nicht in diesem Umfang. Aber wie das immer so ist… es kommt eins zum anderen und dann rufen die süssen Brautpaare an und alles klingt furchtbar interessant und nach wunderbaren Motiven. Nächstes Jahr wird alles anders hab ich mir vorgenommen und weiss, jetzt schon, dass es nicht klappt und ich mich wieder über mich selbst ärgern werde.)

Zurück zum Thema. Die Anzahl und Dichte der Hochzeiten in den vergangenen Monaten, zwangen mich zu einer fotografischen Diszipliniertheit, die eigentlich überhaupt nicht zu meinem relativ luschigen Wesen passt. Ich hatte jedoch zeitlich gar keine andere Wahl, als die durchschnittlich 3.000 Fotos einer  Hochzeit, an einem Tag komplett zu sortieren und nachzubearbeiten. Ich musste an einem Tag mit allem komplett fertig werden und achtete deshalb bereits beim Fotografieren extrem auch korrekte Belichtung, Bildschnitt und Inhalt. Jedes Motiv wurde bereits im Sucher sehr kritisch hinterfragt und jede noch so kleine Erkenntnis floss nutzbar in meine Arbeit.  Der mir selbst aufgezwungene zeitliche Druck trainierte mein Auge und gab mir selbst in den miesesten Situationen Routine und Gelassenheit. Ich bin – mit einem Sportler verglichen – konditionell in sehr guter Verfassung 😉
Vergleiche ich meine letzte Hochzeitsreportage in diesem Jahr mit meiner ersten diesen Jahres, dann fällt mir auf, dass ich mir besondere Ergebnisse viel weniger hart erarbeiten musste. Die Gesamt-Anzahl der Bilder meiner Hochzeitsreportagen sinkt bei einem immer kleiner werdendem Ausschuss. Mein Verhältnis von Gesamtanzahl der Fotos zur Verwertbarkeit liegt im Moment bei einem stolzen Drittel.

Kann man fotografieren lernen? Ja, kann man! Ein gewisses Grundtalent und genug Leidenschaft vorausgesetzt, geht das sogar in verdammt kurzer Zeit. Das deckt sich übrigens mit einer Beobachtung die ich bei einer Menge Fotografen die mich real und virtuell umgeben, mache. Also lasst die albernen Forendiskussionen, geht raus und fotografiert, verflucht!

Hier noch ein kleiner Schnappi vom letzten Wochenende…

 

31 Responses

  1. Sebastian

    Danke für diesen wirklich interessanten Beitrag und die vielen Meinungen dazu. Ein Kunde hat aber wenig Verständnis wenn der Fotograf an den wichtigsten Momenten trainiert an statt die Bilder zu machen. Und die Frage der Selbstdisziplin stellen wir uns auch öfter, aber für viele Dinge braucht es eben mehr Bilder. Wer meint, Bildgestaltung funktioniert ausschließlich am PC hat die grundlegenden Dinge nicht verinnerlicht.

  2. Es stellt sich die Frage was man unter dem fotografischem Blick versteht. Als ich fotgrafieren lernte bekam ich ein Buch eienes Herrn Mante in die Finger, zwei Monate später meinte man das ich den fotografischen Blick hätte. Das einzige was ich tat, ist aus den Konstruktionsregeln zu lernen und in der weiten Welt danch zu suchen. 10 Jahre später wechselte ich auf eine Mittelformatakmera mit quadratischem Format und baute im Geiste diese Regeln um. Wieder drei Jahre später wechselte ich erneut auf ein 3:4 Format und justierte mein Verstand erneut. Jetzt wieder auf 2:3 angekommen ärger ich mich die Krätze das es keine Spiegelreflexkameras mit 3: 4 Sensoren gibt, weiss aber wie man Motive in diesen verschiedenen Formaten sucht.
    Also ist doch ein bleibender Lerneffekt vorhanden den ich nutze. Die Genialität dieser Arbeiten besteht doch darin diese Regeln zu abstrahieren.

  3. Klaus

    Ich sehe ein, die Fotografie ist neu erfunden worden, damit müssen wir „Alten“ uns abfinden. Aber ich bin überzeugt, dass viel „Grundsätzliches“ der Fotografie des letzten Jahrhunderts immer noch gilt.
    Bei der Hochzeitsfotografie z.B. erzählt man eine Gechichte, die Geschichte DES Tages. Aber wer mit 120 Aufnahmen diese Geschichte nicht erzählen kann, der schafft es auch nicht mit 3000 und sollte gründlich über seine Berufswahl nachdenken.

    1. Lieber Klaus, super! Ich bin total auf deiner Seite! Wenn es nach mir ginge, würde ich exakt so arbeiten. Mich buchen jedoch Kunden, die etwas mehr als 120 Bilder ihrer Hochzeit erwarten.

  4. M

    Also wenn ich nach einer Hochzeit auf der ich 14 Stunden fotografiert habe dem Brautpaar gerade mal 120 Bilder „präsentieren“ würde; dann sollte meine Frau mit laufendem Motor im Auto warten…

  5. „Geht’s raus, spielt’s Fußball“ sagte schon Franz Beckenbauer.
    Und das Foto im Blogbeitrag ist übrigens sensationell. Wie oft habe ich das hier schon geschrieben…

  6. @ Teatime : 2 000 Aufnahmen bei einem Personenschooting ? :-O
    Da hört aber einer gerne 13 Bilder die Sekunde durchrattern und meint, dass das ‚professionell‘ wäre, non ?
    😉

    H
    der manchmal nachts aufsteht, die F3 aus dem Schrank klaubt, einen Satz Akkus einlegt und einfach rattern lässt. NUR für den Sound 😉
    Bei den Kisten für den Alltagsgebrauch stehen die Wahlschalter in der Regel auf ‚Q‘ für den silent-mode.

  7. Noch ein Nachsatz zum Thema „Bildausbeute“.

    Die Anzahl Deiner Aufnahmen wird sich im Laufe der Zeit auch merklich reduzieren. Irgendwann hast Du den Blick, ob die Augen auf waren, ob die Situation so war, wie Du sie fotografieren wolltest.

    Aber mit 3.000 Aufnahmen in 14 Stunden bist Du ja noch im unteren Bereich. EIn Fotofreund von mir macht bei einem Personenshooting von einem Modell bei eine Session fast 2.000 Bilder -- keine Ahnung, wie der das schafft. Aber DAS zeigt mir auch, dass er noch nicht gelernt hat, wie man fotografiert. Ihm fehlt -- im Gegensatz zu Dir -- die Routine.

  8. Das Wichtigste bei dieser Arbeit ist die Disziplin, die man sich selbst verordnen muss.
    Nicht jeden Auftrag annehmen, wenn man mit der Bearbeitung kaum noch nachkommt. Nicht unter zu massiven Druck die Bilder bearbeiten, das führt über kurz oder lang zu schlechten Ergebnissen -- auch, wenn man es sich selbst vielleicht nicht zugeben will.
    Und ganz wichtig: sich selbst auch regelmässig eine Auszeit nehmen. Und auch hier herrscht Disziplin: die Auszeit trägt man sich ein Vierteljahr vorher in den Kalender ein und hält sich dran. Dann muss auch schon mal eine Hochzeitsanfrage abgesagt werden.
    Ansonsten passiert es einem schnell, dass man ausgebrannt ist und das mindert die Qualität der Ergebnisse.
    Lieber fünf Hochzeiten mit Spitzenergebnissen, als Zwanzig durchschnittliche.

    Dass sich Deine Bildergebnisse im Laufe der Zeit immer mehr verbessert haben, ist mir auch schon aufgefallen. Ich schaue Deine Bilder immer wieder gerne und finde Deine Bildideen klasse.

  9. Lieber Klaus, auch ich hatte eine Hasselblad und fotografiere immer noch jede Menge Analog. Ich gehe mit einer Rolle Film in der Kamera völlig anders an ein Motiv heran.
    Meine Brautpaare kommen zu mir, weil ihnen 120Fotos ihrer Hochzeit nicht reichen.
    Wenn ich ein Gruppenfoto mit 20 Personen fotografiere, dann mache ich bei dieser Gruppe allein 10 Aufnahmen, weil ich keine Lust hab, mir hinterher in Photoshop die einzelnen Köpfe auszuschneiden und umzusetzen.
    Und wenn ich ein schönes Motiv sehe, dann mache ich auch mehr als eine Aufnahme, weil es mich ärgern würde, das Motiv hinterher wegzuwerfen, weil die Augen geschlossen sind oder die Zunge irgendwo draussen hängt…
    So entstehen 3 mal mehr Fotos, als ich eigentlich brauche. Ich gehe aber auf Nummer sicher… … aus wirtschaftlichen Gründen…

  10. Klaus

    @ Stilpirat
    -nein, das zeigt nur, dass Du noch nie eine Hochzeit über 14h fotografiert hast.

    Ich möchtehier nicht so polemisch werden wie du. Aber bei mir hat neben der Leica auch immer eine Hasselblad bei Hochzeitsfotos dazugehört. Seit über 150 Jahren gibt es die Fotografie und es sind in der Zeit meisterliche Fotos entstanden. (auch analog)
    Was mich angeht, so habe ich hunderte von Hochzeiten fotografiert, Immer zur Zufriedenheit der Kunden, Allerdings
    steckten selten (schon aus wirtschaftlichen Gründen) mehr als ca. 120 Belichtungen drin.

  11. Wer nicht sehen kann, wirds nie lernen 😉 Aber Recht hat der Mann : Mit der ‚Masse‘ kommt auch die Routiniertheit, was funktioniert und was gar nicht geht …
    30%-Quote ? Hut ab, nicht übel, nicht übel.

    H
    nach Bildauswahl nach eigenen, nicht des Kunden Maßstäben 25% im Moment. Ich erschreck mich auch immer selber 😉
    Eine Woche Rallye und 23k … zwei Wochen sichten und druckfertig machen. Mistkram. Bezahlt, aber Mistkram.

  12. Sagt nichts gegen Masse. Masse ist des Fotografen Liebling, vor allem und ganz besonders bei Gruppenfotos. Schließlich kann man nicht bei jedem in der Gruppe das Gesicht von Hand richtig hindrehen und womöglich noch die Augen aufmachen. Die Chance, dass alle gut aussehen, steigt mit der Masse an Fotos enorm an. Und auch sonst geht viel über Masse. Wenn dann noch die Routine und die Erfahrung hinzukommen, lässt sich die Masse wieder etwas einschränken. Genau das hat der Stilpirat sehr gut beschrieben.

  13. Oh man, 3Kilo in 14 Stunden oder mehr sind doch o.k.

    Ich brauch auch immer „Action“ und will keinen Augenblick verpassen. Wer ein Auge hat, sieht in (fast) jeder Sekunde einen „festhalteswerten“ Moment… Das Beispiel mit ner Hasselblad ist doch wohl nich ernst gemeint…? Ist das dann wirklich noch ne Hochzeitsreportage?? Hach, schön lässt sichs fetzen zum Thema… 🙂

    1. @Markus Allein bei den Gruppenfotos „hau“ ich schnell mal ein paar hundert Auslösungen weg -- zumindest bei den Persern 😉
      Aber wie gesagt -- und das sollte ja die Aussage der Blogpost sein -- : Mittlerweile sind es sehr viel weniger geworden, weil ich viel disziplinierter arbeite und mich nicht mehr darauf verlasse, dass irgendwas schon dabei sein wird… 😉

  14. Klaus

    Ich stimme Stefan absolut zu -- worüber du sprichst, dass ist Routine. 3000 Belichtungen für eine Hochzeit zeigt doch, dass deine guten Fotos Ergebnis von „Masse“ sind. Stell dir doch mal vor, du müßtest die Hochzeit mit einer analogen Hasselblad fotografieren. Je Magazin hast du 12 Belichtungen. Wieviel Filme willst du dann belichten?

    1. @Klaus “

      3000 Belichtungen für eine Hochzeit zeigt doch, dass deine guten Fotos Ergebnis von “Masse” sind“

      … nein, das zeigt nur, dass Du noch nie eine Hochzeit über 14h fotografiert hast 😉

  15. Im Grunde genommen hast du Recht, aber ich würde auch eher zu Susannes These mit dem fotografischen Blick zu tendieren. Ohne Grundstein kann auch auf nichts aufgebaut werden!

    und @flo 2000 Fotos für eine Hochzeit ist normal 😀

  16. Kann man fotografieren lernen?
    Aus der Sicht des Assistenten (Rückblickend auf meine Bilder vor unserer Zusammenarbeit)
    stimme ich dir 100prozentig zu. Ja. Mit genügend Motivation und Geduld, denke ich kann man fotografieren lernen.

    Ich hatte aber auch den besten „Lehrer“, den man haben kann und genügend Praxis…DANKE!

  17. Auch wenn ich noch lange nicht deine Qualität erreicht habe. Merke ich es an mir selbst auch. Ich hab dieses Jahr soviel fotografiert wie noch nie und man merkt halt wie sich die Ideen schneller entwickeln und das man immer mehr Lust auf verrückte Sachen hat. 🙂 Daher kann ich deinen Artikel sehr gut nachvollziehen.

    +1

  18. 2000 an einem Tag? Mein lieber Scholli, das ist schon eine Nummer. Kein Wunder, dass du an solchen Aufgaben gewachsen bist.

    Schön, dass du deine Meinung geändert hast, ich finde die neue Version weitaus motivierender. 🙂

  19. Kann man fotografieren lernen? Ja und nein. Du hast bei Deinen vielen Aufträgen nicht fotografieren gelernt, sondern Dein Fotografieren perfektioniert. Das war lernen auf hohem Niveau. Aber jemandem, der keinen fotografischen Blick hat, das Fotografieren beizubringen, ist fast unmöglich. Technik ist erlernbar, fotografisch sehen nur sehr, sehr bedingt. Insofern ist lernen hier zweideutig zu sehen.

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