25
Feb
2014
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Der morbide Charme von Cape Coast

stilpirat-capecoast-ghana-10Ich mach mich wieder mal früh auf den Weg. Das Taxi steht pünktlich 8 Uhr vor der Tür und bringt mich zum Busbahnhof. Von dort aus soll es zwei Tage nach Cape Coast gehen, einem kleinen, zauberhaften Städtchen, etwa 200 km in Richtung Westen. Ich hatte eigentlich vor, mit einem der tollen, roten VIP Busse zu fahren – die sind gut gepolstert, klimatisiert und weniger staubig. Als mich der Taxifahrer am Busbahnhof absetzt, ist von den großem roten Bussen keine Spur und ich werde auf der Stelle von einem halben Dutzend Ghanesen gezogen, begrabscht und lautstark belehrt, dass keine VIP Busse nach Cape Coast fahren. Im kämpfe mich in staubiger Hitze durch Menschenmassen, vorbei an übel riechenden Garküchen und einem unglaublichen Lärm, der aus hunderten Lautsprechern dröhnt. Nahezu jeder, den ich passiere, versucht mich aufzuhalten und in ein Gespräch zu verwickeln. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, vielleicht doch noch einen Bus nach CapeCoast zu finden. Hier zu fotografieren, lasse ich lieber – ich habe da schon einige unschöne Erfahrungen machen müssen – deshalb bleibt die Kamera tief unten in der Tasche. Ich laufe gesenkten Hauptes im Stechschritt durch den Moloch und lasse wenigstens nebenbei das iPhone mitlaufen…

Irgendwie komme ich aus dem Busbahnhof raus und atme auf. Mann, Mann, Mann! Dagegen war Old-Delhi ein Strandspaziergang. Ich frage einen Taxifahrer, ob er weiss, wo es zu den VIP Bussen geht und er nickt eifrig. Wir fahren etwa 10 Minuten die Strasse entlang zu einem weiteren Busbahnhof. Auch hier das gleiche Bild – Kleinbusse, Lärm, Staub, Hitze… aber von VIP Bussen keine Spur. Hargh! Warum bin ich ausgestiegen? Das Taxi ist weg und ich frage abermals einen Taxifahrer, ob er weiß, von wo die VIP Busse…  …die selbe Prozedur: Ins Taxi einsteigen, 10 Minuten fahren, an einem Busbahnhof ohne VIP Busse halten… ich kann nicht mehr… Die Suppe läuft mir das Gesicht runter und ich weide mich in Selbstmitleid. Wer wollte das? Ich lasse mich in einem Anfall von „mir ist jetzt alles egal“ auf das „Abenteuer“ ein, in einem kleinen 9 Sitzer nach CapeCoast zu fahren. Ich steige ein und warte noch so lange, bis alle Plätze verkauft sind. Kein Ding! Ich habe Glück, warte nur 45 Minuten. Ich bin sehr glücklich!

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Die Fahrt ist relativ unspektakulär und ruhig. Man nimmt keine weitere Notiz von mir, was mich gerade nicht wirklich stört. Zeit runter zu kommen und nachzudenken.

Mag sein, dass mich meine ersten Eindrücke hier enttäuschten. Ghana ist – so mein bisheriges Fazit – eigentlich freundlich –  wenn du es zuerst bist. Das Land zwingt dich in jeder Hinsicht aus deiner Komfortzone, womit ich natürlich überhaupt kein Problem habe – genau das ist es, was ich wollte – meine Reisen nach Indien und Vietnam waren auch keine Butterfahrten in sanften Bussen. Doch Ghana ist noch mal komplett was anderes. Ich würde dieses Land als raubeinig-herzlich beschreiben und manchmal habe ich das Gefühl, dass man hier eine Spur zu stolz ist und sich dabei hin- und wieder selbst im Weg steht. Man spürt als Ausländer die eigene Herkunft deutlicher als anderswo. Außerdem ist es superschwer, hier zu fotografieren. Man reagiert auf meine Kamera – selbst bei harmlosen Motiven – oft relativ ungehalten. Ich suche mir mittlerweile immer erst einmal „sicheres Terrain“ bevor ich sie auspacke. In diversen Gesprächen mit den Leuten hier, habe ich erfahren, dass die Einheimischen immer etwas Angst davor haben, dass wir Europäer ihre Armut fotografieren und uns dann darüber lustig machen. Hm…

Drei Stunden später hält der kleine Bus in Cape Coast und der morbide Charme dieses kleinen Städtchens weiß mich sofort in seinen Bann zu ziehen. Ich gehe etwas am Strand spazieren und geniesse den Wind. Die Temperaturen sind seit meiner Ankunft kaum unter 30 Grad gefallen und die Hitze macht mir mittlerweile ganz schön zu schaffen. Am Strand laufen ein paar Schweine herum, die nach etwas Verwertbarem suchen. Hab ich auch noch nicht gesehen. Das scheint hier aber weiter niemanden zu stören. In einem kleinen, süssen Restaurant am Strand esse ich etwas und suche mir ein Nachtquartier. Das Hans Cottage Botel liegt verträumt – etwas weiter im Landesinneren – an einem kleinen See, in dem es Krokodile gibt. Und tatsächlich läuft mir eines mopsfidel vor die Linse… hui.
Das Zimmer ist eigentlich… naja… ok. Ein paar Gekkos wurden aufgeschreckt und flüchteten die Wände lang, als ich aufschloss, doch ich erinnerte mich an die Info aus meinem Vietnam-Urlaub: Hast du Gekkos im Zimmer, dann hast du keine Spinnen. Also alles gut. :-/ Eine große Auswahl an Hotels hast du hier in Cape Coast auch nicht und freundlich sind sie hier im Cottage Botel allemal. Ich fühlte mich beim Personal jedenfalls sehr gut aufgehoben.

Ein aufregender Tag geht zu Ende und ich schaue in den Spiegel. Ich bin mir sicher, dass ich meine Grenzen hier ordentlich ausloten werde und auch wenn es nicht so klingt, ich bin froh, hier zu sein.

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