8
Jan
2017
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Das Tote Meer – Zeit zum Nachdenken

Ich kann mich erinnern, dass mir als kleiner Bengel im Ferienlager irgendeiner vom Toten Meer erzählt hat, in dem man nicht untergehen kann, weil der Salzgehalt so hoch ist, dass man immer oben schwimmt, auch wenn man sich nicht bewegt. Irgendwie hat sich dieses Bild bei mir so manifestiert, dass ich immer davon träumte selbst mal auf dem Wasser zu schweben. Das tote Meer war für mich damals als Kind des Ostens weit weg – unerreichbar. Und so wurde dieses Bild bei mir im Hirn gleich neben „ich schwebe als Kosmonaut durchs All“ abgelegt…

Und wie ich so in meinem Hotelzimmerchen in Jerusalem liege und auf die Palmen vor dem Fenster blicke, die sich im Wind wiegen, kam mir dieses Bild wieder in den Sinn. Kaum zu glauben, dass ich nun vierzig Jahre später – nur eine knappe Autostunde vom Toten Meer entfernt bin. Sollte ich nicht sofort hinfahren und ins Wasser springen und mein Bild aus der Kindheit einfangen?

Am nächsten Morgen sitze ich in aller Herrgottsfrühe im Auto und nehme die Strasse Richtung Jordanien. Was sich nach etwa 20 Minuten Fahrt aus Jerusalem vor meinem Auge auftut, hätte ich allerdings nicht erwartet: Bergwüsten, Stille und herrliche Einsamkeit. Und statt sofort an den Ort meiner nicht erfüllbaren, kühnsten Kindheitsträume zu fahren, mache ich immer wieder kleine Abstecher in die Berge, steige aus und bleibe vor diesem herrlichen Nichts stehen. Und dann sehe ich es in der Ferne in wundervollem hellen Blau glitzern: das Tote Meer. Und direkt dahinter in Nebel eingehüllt die Bergkette Jordaniens. Stunden könnte ich mit diesem Anblick verbringen. Ich packe mein Lächeln ein und nehme die letzten 15 Minuten bis zum Ziel. Das Tote Meer, da ist es. Ein paar schlammbedreckte Leute aus irgendeinem Spa in der Nähe kreuzen den Weg und wenn ich auch mein Grinsen nicht verbergen konnte, es galt nicht ihnen.

Und dann? Zeit zum Nachdenken.

Es gibt zwei große Enttäuschungen im Leben: Nicht zu bekommen was man will, ist die erste. Mitunter schmerzhaft, aber wichtig. Die zweite große Enttäuschung ist: Irgendwann zu bekommen was man will. Enttäuschend deshalb, weil sich in den meisten Fällen nichts ändert wenn man es dann hat… das Glück fängt man damit nicht ein. Und so sitze ich ein Stündchen auf einem Stuhl am toten Meer, starre hinaus und stelle mir vor, wie es wäre, dort auf dem Wasser zu schweben. Ein wundervoller Gedanke, den ich seit meiner Kindheit mit mir herumtrage, seit diesem Tag im Ferienlager. Und ich wollte diesen Gedanken in dieser Stunde nicht zerstören. Ich blieb sitzen.

Als ich mich auf den Weg zurück machte, stand da ein Schild „Gehe in Frieden“. Und ja…

…Ich ging in Frieden.

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10 Responses

  1. Sehr schön eingefangener Bilder möchte ich meinen. Das Tote Meer. Da wollte ich immer einmal hin und gucken ob der Salzgehalt dort wirklich so hoch ist, man auf dem Wasser liegen kann ohne zu Schwimmen.^^

  2. Anton

    Ich war drinnen. Ist ein tolles Gefühl, nur das wieder raus gehen war mühsam weil man seine Beine nicht wie gewohnt hinunter auf den Seeboden bringt. Ich bin ziemlich unelegant wieder raus. War aber ein tolles Erlebnis dass ich nicht missen möchte.

  3. Thomas

    Natürlich wär ich rein! Denn wie heisst es so schön: Life is about sayin‘ yesssss!

    Ob du für dich alles richtig gemacht hast, entscheidet sich erst daheim, wenn du wieder an deinen Traum denkst. -- Denk ich mir

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