31. Mai 2012

Bildkritik

Ein Thema, dass mir schon längere Zeit unter den Nägeln brennt und zu dem ich mich wirklich mal äußern will, ist das Thema Bildkritik. Um meinen Standpunkt zu diesem Thema besser nachvollziehen zu können, erlaube mir zunächst klarstellen, warum ich hier im Blog überhaupt Fotos zeige. Mein Hauptgrund – und das mag überraschen – ist: Ich zeige hier Fotos, weil ich sie gemacht habe und ich mir vorstellen kann, dass es Leser gibt, die sich daran erfreuen oder Inspirationen daraus schöpfen. Und ich erzähle gern die Geschichten dazu, weil die Aufnahmen dadurch an unterhaltsamen Aspekten hinzugewinnen. Dabei geht jedem gezeigten Foto, ein bewusster Entscheidungsprozess hinsichtlich der bildgestaltendenden Mittel voraus.

Ich habe die Phase, in der meine Aufnahmen zufällig entstanden sind, ebenso hinter mir gelassen, wie die Unsicherheit darüber, ob mir eine Aufnahme gefällt oder nicht. Und hier schließt sich der Kreis: Ich zeige hier meine Aufnahmen nicht, um irgendeine Art Bildkritik zu bekommen. Das macht aus meiner Sicht weder Sinn noch ist es für mich nutzbringend (was nicht heißt, dass ich nicht kritikfähig bin)

Und bevor die Trolle gleich wieder wutschnaubend den Rest des Textes links liegen lassen und mir dumme Kommentare schreiben, möchte ich sogar kurz darlegen, warum. Also dranbleiben: Unser Wahrnehmungsprozess hat vor allem mit Vergleichen zu tun. Wir vergleichen das Gesehene mit den in unserem Hirn gespeicherten Bildern und treffen dann eine Entscheidung darüber, ob es uns gefällt oder nicht. So kommt es, dass ein Architektur-Fotograf, der sich noch nicht viel mit Hochzeitsfotografie auseinandergesetzt hat, ein Hochzeitsfoto völlig anders bewertet, als das ein Hochzeitsfotograf tut, der bereits einige Jahre jede Form von Hochzeitsfotos im Netz aufgesogen hat. Der Architekturfotograf, dem es vor allem um korrekte Abbildung und Farbgenauigkeit geht, wird die Bilder nach völlig anderen Kriterien bewerten, als das der Hochzeitsfotograf tut. Dem Architekturfotograf sind die allseits beliebten Farbverschiebungen und Fadings des Hochzeitsfotografen möglicherweise völlig unverständlich, während der Hochzeitsfotograf die “mühevoll erarbeitete Brücke” des Architekturfotografen als belanglos abtut. Das unbedarfte Brautpaar wiederum, wird die Fotos wieder völlig anders bewerten, weil ihm die Vergleichsbilder fehlen.

Ich bekomme Kommentare von Fotografen, die vor Jahrzehnten selbst analoge Grossformatfotografie betrieben haben und mir schreiben, dass sie sich freuen, dass es immer noch Leute gibt, die sich mit diesem Medium auseinandersetzen und meinen Bildaufbau und das Korn loben, während die gleiche Aufnahme von einem Digital Native als “total verrauscht und Augenkrebs” bezeichnet wird. Welchen Nutzen ziehe ich aus dieser “Bildkritik”? Keinen!

Ich kann Bildkritik also nur wirklich einschätzen, wenn ich weiß, von wem sie kommt und was die fotografische Vorgeschichte des Kritikgebers ist. Deshalb treffe ich mich oft und gern mit befreundeten Fotografen, um mir fundierte Bildkritik anzuhören.

Deshalb sei mir bitte nicht böse, wenn ich ich es mal sehr drastisch formuliere: “Mir ist es scheißegal, ob Dir der Kontrast “zu flau”, die Farben nicht “knackig” genug oder das Motiv zu belanglos ist. Ich hab mich bewusst für diese Aufnahme, das Motiv und seine Bearbeitung entschieden. Ich habe diese Aufnahme nicht für Dich gemacht – ich zeige sie Dir bloß. Dir steht es frei, sie anzusehen und Dir Deine Gedanken dazu zu machen.”

Oder um es mit Konstantin Wecker zu sagen:

Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht, weil es euch gefällt. Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht, weil ihr´s bei mir bestellt.